Buch Cover
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Pescadore Islands

Die Sommerferien auf einer vertrockneten Insel im Südchinesischen Meer verbringen zu müssen, ist nicht gerade der Traum siebzehnjähriger Mädchen. Umso mehr freut sich Simone, als plötzlich ihr Freund Michele auftaucht. Die erste Begegnung mit Simones Mutter Eleonore verläuft für den 25-Jährigen leider etwas zu steif. Der Vater Eleonores, Rüdi Rudikomombi, sieht darin jedoch die Chance, eine 350 Jahre alte Schuld einzulösen. Es steht viel auf dem Spiel: Die Zukunft der Insel, Simones erste Liebe und nicht zuletzt die Ehe von Eleonore und Hermann. Die Mission, geplant vor mehr als 300 Jahren, führt auf versteckten Pfaden, über das Meer hinweg, zu einer vertrockneten Quelle.
Dort erinnern sechs Pflaumenbäume an das Opfer der sieben Frauen von Qimei. Vor fast 350 Jahren wurde die Insel von brandschatzenden Piraten überfallen. Mordend und vergewaltigend hinterließen sie eine Spur der Qual.
Sieben Kreise für jene sieben Frauen, die sich den Piraten durch den Gang in die Quelle entzogen. Vormals standen dort angeblich sieben Pflaumenbäumen, doch heute sieht der Besucher nur noch sechs Bäume, die in jedem April mit ihrer Blütenpracht erfreuen. Der siebte Baum, so heißt es, sei der Trockenheit zum Opfer gefallen.
Doch ist dies wirklich wahr oder hat es eine andere Bewandtnis mit der Legende der sieben Frauen und den sechs Bäumen?

Der Freund

»Ich muss nicht akzeptieren, dass bei der Begrüßungsumarmung meine Nasenschleimhäute verätzt werden, oder?«
»Guten Morgen, Schatz«, ignorierte ich die selbst für Eleonore ungewöhnliche Anfrage, die sie mir entgegenschleuderte, anstelle mich mit dem üblichen Guten-Morgen-Kuss zu traktieren.
Eleonore griff nach einer Scheibe Brot, hackte ein Stück Butter ab und presste es auf die Brotscheibe. »Nun sag schon, Hermann! Das muss ich nicht. Das siehst Du doch ebenso.«
Normalerweise liebe ich das Berliner Format der Tageszeitung unseres … unserer … nein, Stadt würde ich es nicht nennen, aber für ein Dorf ist es nun auch wieder zu groß. Sei es drum. Auch hier auf der Insel will ich nicht darauf verzichten und bekomme mit der wöchentlichen Fähre sieben Ausgaben geliefert, solange wir uns im Ferienhaus auf Qimei aufhalten. Natürlich könnte ich mir die Zeitung auch mit dem Flugzeug bringen lassen, aber das würde erstens nichts an der nicht vorhandenen Aktualität ändern und zweitens muss man das Geld ja nicht zum Fenster hinauswerfen, oder? Es reicht schon, dass wir jeden Juni hier auf Qimei verbringen müssen. Warum müssen, fragen Sie? Es steht so im Ehevertrag, auf den Eleonores Vater vor unserer Trauung bestand. Natürlich, Sie haben ja recht, es gibt Schlimmeres als jährlich eine vierwöchige, vollbezahlte Urlaubspflicht auf einer Insel im Südchinesischen Meer in einem vollausgestatteten Bungalow abzusitzen, für den man in Deutschland so zwei bis drei Milliönchen hinblättern müsste. Seit dreihundertfünfzig Jahren geht diese Pflicht in Eleonores Familie auf die Tochter über. Ich wagte es einmal zu fragen, was denn geschehen wäre, wenn es einmal keine Tochter gegeben hätte. Mein Schwiegervater antwortete mir mit einem Schweigen, das deutlich machte, dass solche Fragen zur Verweigerung der Hand von Eleonore führen können. Nun gut, jetzt saßen wir also hier auf den Pescadores Islands und ich suchte angestrengt nach einer Lösung für das im Raum schwebende Problem. Den Mantelteil der Zeitung werfe ich übrigens immer sofort weg. Auch zu Hause. Warum soll ich in der Zeitung das lesen, was ich normalerweise am Vortag schon in den Nachrichten sah? Durch diese Reduzierungsmaßnahme im Zusammenhang mit dem Format, das albatrosgleich ausgebreiteten Armen entgegenwirkt, nimmt die Zeitung genau den Umfang ein, der sich bequem am Frühstückstisch lesen lässt. Und inhaltlich bekomme ich genau das, was weder Radio noch Fernsehen bieten können: Tatsachen, Gerüchte und Bilder aus unserer unmittelbaren Umgebung. Also der Umgebung, in der wir uns normalerweise aufhalten. Auch wenn dies so manchem Stadtratsmitglied nicht gefällt – aber es macht schon Sinn zu wissen, das A nur deshalb gegen den Vorschlag von B ist, jede zweite Straßenlampe zwischen Mitternacht und fünf Uhr morgens abzuschalten, weil dann seine kostenfreie Hofbeleuchtung durch die Straßenlaterne wegfallen würde. Der Nachteil an diesem handlichen Format jedoch ist, dass die Zeitung nicht als Versteck dienen kann. Ein Umstand, den mir sicher jeder Ehemann nachempfinden kann. Und deshalb traf mich Eleonores stechender, fragender, tief in meinem Innern nach Zustimmung heischender Blick widerstandslos und ungebremst. Auch wenn ich noch so konzentriert auf die Buchstaben starrte, ich würde einer Antwort nicht aus dem Weg gehen können. Ich zog die linke Augenbraue hoch, faltete sorgfältig die Zeitung zusammen und legte sie nicht minder sorgsam neben meiner Kaffeetasse ab. Dieser Vorgang zog sich – natürlich – etwas hin. Nicht zu vergessen, dass ich – natürlich – meine Brille von der Nase nahm, nach dem Brillenputztuch griff, dass seit jeher an der rechten Seite des Tisches drapiert ist, um ohne Umstände für einen klaren Blick sorgen zu können. Doch beinahe hätte ich das rechte Brillenglas aus der Fassung gedrückt, so erschrak ich, als Eleonore erneut das Messer in den Butterblock schlug. Sie nahm nie Butter. Also niemals, ausgenommen, etwas oder irgendjemand hatte ihren Unmut erregt – massiv. Meine Gedanken rasten, doch ich konnte nichts finden, was darauf hindeuten würde, ich sei der Verursacher dieses Unmuts. Sicher, ich war am Abend vorher auf der Veranda eingeschlafen. Doch ungewöhnlich war dies nicht. Unsere Betten standen sowieso schon lange auseinander, weit auseinander, jedes in einem eigenen Schlafzimmer. Angeblich, weil ich so unruhig schlafen würde. Die Wahrheit ist jedoch, dass Eleonore sich Nacht für Nacht durch das Bett wühlt und ich am Morgen gerädert auf einem 8,5 cm schmalen Streifen liegend aufwachte, während meine Gattin kreuzigungsgleich den Rest der zwei Meter einnahm. Mit beiden Händen führte ich meine Augengläser an ihren angestammten Platz, dachte kurz darüber nach, was ich mit meinen Händen tun sollte. Den ersten Reflex, die Finger zu verschränken und mein Kinn darauf abzustützen, verwarf ich wieder. Eleonore hätte dies als Angriff auf ihre Entscheidung gesehen, welcher Art diese Entscheidung auch gewesen sein mag. Die Flucht zur Kaffeetasse erwies sich als eine göttliche Eingebung. Sie war nämlich leer. Fast hätte ich gelächelt ob dieser Fügung, die es mir erlaubte, straflos aufzustehen und mich lässig vor den Kaffeeautomaten zu stellen. Mit dem Zeigefinger der rechten Hand orderte ich eine Tasse Café und dachte weiter nach, ohne jedoch zu einem brauchbaren Ergebnis zu kommen. Da das Schweigen im Raum an meinen Nerven zerrte, wandte ich mich doch mit einer Frage an meine allerliebste Gattin: »Was ist denn geschehen?« Es gelang mir sogar, meine Stimme nicht allzu sorgenvoll klingen zu lassen.
»Michele …«, setzte Eleonore mit gepresster Stimme an, wurde jedoch von einem kreischend in den Raum geworfenen »Mii-kee-le heißt er.« unterbrochen.
Simone hechtete an den Küchentisch. Mist, die Kaffeetasse war bereits gefüllt. Musste es denn sein, dass diese Maschine so schnell war? Warum war diesmal nicht der Wasserbehälter leer oder die Bohnen oder der Trester voll? Kein Verlass auf diese Hightechautomaten, wenn man sie wirklich braucht. Ich musste zurück an den Tisch, glitt betont lässig auf meinen Stuhl und betrachtete unsere Tochter. Sie hatte beide Hände auf die Tischplatte aufgepresst, die Finger gespreizt, die Ellbogen durchgedrückt und die Beine eng aneinander gestellt. Ihre Augen ein einziger tödlicher Angriff. Sie schnaubte leicht vornübergebeugt eine vorwitzige Haarsträhne aus ihrem Gesicht – eine Haltung, die mich veranlasste, vorsichtig den Abstand zwischen mir und dem Küchentisch und damit zu meiner Angetrauten und unserer siebzehnjährigen Tochter zu vergrößern. Vergeblich, denn Eleonore zischte: »Du bleibst, wo Du bist!«
Frieden signalisierend hob ich beide Hände und zeigte, dass ich nicht bewaffnet war oder auf sonst einem Konflikt aus war. Ich wagte zu fragen: »Wer ist Michele?«
Simone funkelte mich an: »Mein Freund. Damit Du es weißt. Ich liebe ihn. Da kannst Du auch nichts dagegen machen. Ich wünschte …«
Eleonore schrie: »Stopp! Sag es nicht!«
Simone klappte ihren Mund zu, der kurz davor stand, etwas sehr Unbedachtes in den Raum zu werfen. Sie starrte von ihrer Mutter zu mir und wieder zurück. Eleonore betrachtete streng das Butterbrot, runzelte die Stirn, als hätte die Butter etwas Ungebührliches getan.
Vorsichtig frug ich: »Eleonore? Was ist passiert? Du wolltest es niemals mehr tun. Das hast Du mir vor unserer Trauung versprochen.«
Ich hatte am eigenen Leib erfahren müssen, dass ein gut gemeinter Wunsch zu einem mehrwöchigen Krankenhausaufenthalt führen kann. Dann nämlich, wenn der Wunsch lautet, dass der Verlobte – so schnell wie es geht – im Bett der Dame landet, die werte Dame aber nicht darüber nachdenkt, dass schnell nicht unbedingt etwas mit sanfter Landung zu tun hat. Danach hatte sie mir alles über diese Familiengabe – ich nenne es Familienfluch – erzählt.
»Ooooooch, Schatz, es ist nicht sooo schlimm – ehrlich.« Eleonore schaffte etwas, das ein liebender Ehemann in manchen Zeiten als Lächeln hätte deuten können. Ich nicht. Tief sog ich die Luft durch meine Nase ein, spürte, wie sie an den Bronchien vorbei strömte, meinen Brustkorb blähte und tief unten in den Lungenspitzen bereitstand, um kraftvoll nach oben gepresst zu werden, um meinen Mund als Worte der Wut und des Ärgers zu verlassen – doch Simone war schneller: »Nicht schlimm? Nicht schlimm? Mama! Du findest es nicht schlimm? Papa! Wer ist diese Frau?«
Nun, es wurde Zeit, zu zeigen, dass immer noch ich der Herr im Haus war: »Eleonore, hast Du mich angelogen? Du sagtest, Du hättest sowieso keine Wünsche mehr.«
Meine Frau streckte ihren Arm aus, streichelte mir zärtlich mit den Fingerspitzen über den Handrücken: »Weißt Du, Liebling. Nur ein kleines bisschen. Ich habe seit Deinem Krankenhausaufenthalt die Gabe nie mehr angewendet. Ich dachte halt, es könnte ganz gut sein, noch zwei Wünsche in der Hinterhand zu haben. Es könnte ja nicht schlecht sein, sie für Notfälle aufzuheben. Mi-keele jedenfalls -« Ein Seitenblick zu Simone. »Er stank, als hätte er sich seit Wochen nicht mehr gewaschen. Und ich habe ja noch einen.«
»Mama! Er war drei Wochen unterwegs. Drei Wochen! Nur, um zu mir zu kommen. Wo hätte er sich denn bitte waschen sollen? Drei Wochen trampen, im Zug Post sortieren, um nicht als Schwarzfahrer angezeigt zu werden, und im Anschluss auf dieser Scheißfähre, die nur einmal pro Woche diese Scheißinsel anfährt, hierher tuckern. Oder hättet ihr ihm das Flugticket bezahlt?«

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