Prolog

Acht Monate war ich dienstunfähig. Die letzten vier Wochen in der Rehabilitationsklinik saß ich nur meine Zeit ab. Die Augenhöhle schmerzte schon lange nicht mehr und an das einäugige Sehen hatte ich mich fast gewöhnt.
Ich stieg am Sendlinger Tor aus der U-Bahn und ging über die Blumenstraße Richtung Hauptfeuerwache.
Sie hatten mich für zehn Uhr bestellt. Der Leitende Branddirektor wolle mich offiziell im Dienst begrüßen, stand in dem Schreiben. Vermutlich war die gesamte Lokalpresse ebenfalls einbestellt. Wie vor etwas mehr als einem halben Jahr, als der Chef mich im Krankenhaus besuchte.

Brand Keller Einfamilienhaus hatte die Alarmmeldung gelautet. Wir hatten nur eine kurze Anfahrt. Es schien ein Standardeinsatz zu werden. Kein Grund zur Aufregung also.
Michael und ich saßen damals auf der Drehleiter, diskutierten über die neuen Dienstpläne. Wenn das so weiterging, standen uns bald polizeiähnliche Verhältnisse bevor. Geteilten Dienst, keine Ruhezeiten mehr und wann du dich erholst, ist dein eigenes Problem.
Kurz vor uns war schon eine Streife der Polizei am Brandobjekt eingetroffen. Die Jungs hatten ihren Streifenwagen mal wieder ganz toll geparkt. Nun gut, vermutlich würde die Drehleiter nicht eingesetzt werden müssen. Ein Wäschetrockner brannte im Keller des Hauses.
Angeblich wäre aber noch ein Kind im Dachgeschoss. Dies sei kein Problem für uns, da einer der Polizisten sich auf den Weg in das Kinderzimmer gemacht hätte.
Umso besser für uns. Michael und ich standen neben unserer Drehleiter, harrten der Dinge. Ich blickte dämlicherweise hoch zum Dach und stupste meinen Kollegen an: »Nee, oder?«
Das Gaubenfenster war geöffnet und ein Polizist stieg auf das Dach. Er half einem Mädchen, sie war höchstens sechs Jahre alt, ebenfalls auf die Dachziegel zu steigen.
Michael sprang zu den Hebeln am Heck der Drehleiter und fuhr die Stützen aus. Ich kletterte derweil auf den Leiterpark, hangelte mich nach vorne zum Korb.
Wir waren ein gut eingespieltes Team. Der Korb war aufgerichtet, als ich vorne ankam.
Michael lief neben der Leiter nach vorne, während ich von oben in den Korb stieg, den Einstieg öffnete und ihn einsteigen ließ.
Kaum war Michael bei mir, fuhr ich die Leiter hoch, drehte den Korb zum Haus und schob den Leiterpark aus.
Michael teilte mir mit, dass wir die Leiter nicht zu einhundert Prozent belasten könnten. Wegen des Polizeiwagens konnte er die Stützen auf der Gebäudeseite nicht vollständig ausfahren.
Das hieß, einer von uns musste aussteigen, um den Kletterbullen und das Kind nach unten bringen zu können.
In solchen Fällen knobelten wir immer. Michael griff in seine Jackentasche, holte zwei Streichhölzer heraus. Die Köpfe hielt er zwischen Zeigefinger und Daumen, damit ich sie nicht sehen konnte. Er grinste mich an: »Ich bin dran. Du darfst ziehen.«
Jeder von uns hatte ein Paar Streichhölzer in der Jackentasche. Eines hatte einen roten Kopf, das andere Streichholz einen gelben. Wer das rote Streichholz zog, musste den Korb verlassen.
Die Kleine klammerte sich an den Polizisten, der versuchte, auf der regenglatten Dachhaut nicht abzurutschen und hielt sich am Fensterbrett fest. Die beiden kauerten wie zwei verschreckte Täubchen am Schneefanggitter.
Es war einfach nicht mein Glückstag – ich zog das rote Streichholz. Wir wechselten die Plätze, Michael bediente nun den Korb.
Das Mädchen hatte echt Angst, jammerte in einer Tour.
Ich rief dem Polizisten zu, er solle mit dem Kind wieder ins Zimmer klettern. Der Brand sei im Keller, es bestünde keine Gefahr.
Ausnahmsweise entsprach diese Aussage sogar der Wahrheit. Kurz zuvor war über Funk die Meldung gekommen, dass die Kollegen den Brand im Keller unter Kontrolle hatten. In der Kellertür zum Treppenhaus hing ein mobiler Rauchverschluss. »Ihr könnt über das Treppenhaus nach unten gehen.«
Doch die beiden machten keine Anstalten, wieder in das Zimmer zu klettern.
Der Regen machte es mir nicht gerade einfach, und der Polizist war wohl über seinen eigenen Mut, auf ein nasses Dach zu klettern, erschrocken. Er griff sofort nach mir, hielt sich an mir fest, rutschte dabei ein Stück weit ab und zog die Kleine mit sich.
Michael reagierte schnell genug, schnappte sich das Mädchen und zog es in den Korb.
Der Polizist hangelte mit seiner nun freien Hand nach dem Fensterbrett der Dachgaube. Er erwischte es sogar und hielt sich fest. Seine Fürsorge für mich hielt sich jedoch in erstaunlich engen Grenzen: Er ließ mich los.
Ja klar, ich war doch selbst schuld. Warum war ich überhaupt auf das Dach übergestiegen? Das Kind befand sich doch in erfahrenen Polizeihänden. Der Typ war, wie ich später der Zeitung entnehmen konnte, gerade mal 22 Jahre alt.
Durch das plötzliche Loslassen verlor ich den Halt auf dem glitschigen Dach, strauchelte.
Sekunden später sah ich mir das Schneefanggitter mit meinem linken Auge etwas genauer an.
Der Polizist?
Er machte das, was ich ihm gesagt hatte: Er stieg wieder in die Wohnung ein und wurde später mit der Lebensrettungsmedaille ausgezeichnet.
Ich bekam ein paar Wochen darauf eine schöne nagelneue tiefschwarze und perfekt sitzende Augenklappe.
Unwillkürlich betastete ich die Augenklappe. Ich bog in die Straße, die man äußerst kreativ ‚An der Hauptfeuerwache‘ genannt hatte, ein und konzentrierte mich wieder auf die Gegenwart.
Nach dem ganzen Trubel, der damals rund um diesen Einsatz entstanden war, meiner langen Dienstzeit und dem heutigen offiziellen Empfang, ging ich davon aus, dass sie mich in die Leitstelle versetzen würden. Das war zumindest mein Wunsch gewesen, als sie mich nach meinen Präferenzen fragten.
Dort könnte ich wenigstens noch ein bisschen so tun, als wäre ich Feuerwehrmann.
Mein ehemaliger Wachabteilungsleiter, die Presse und ein paar der Abteilungsleiter warteten nur noch auf mich. Sie hatten Häppchen bringen lassen, Sekt wurde herumgereicht und alle schienen in bester Stimmung zu sein.
Der Branddirektor war im Heucheln schon immer große Klasse, vor allem, wenn Presse in der Nähe war. Er kam freudestrahlend auf mich zu. »Wir sind glücklich, Brandmeister Fogos«, sagte er und schüttelte mir minutenlang die Hand, »dass Sie den Einsatz überlebten und nun wieder Ihren Dienst antreten können. Im Namen der Stadt und der Branddirektion München heiße ich Sie herzlich willkommen.«
Die kommende Stunde musste ich Fragen über Fragen beantworten. Die Jungs von der Pressestelle waren ständig an meiner Seite, achteten darauf, dass ich ja nichts Falsches sagte.
Irgendwann waren die Presseheinis verschwunden. Ich fragte beim Chef nach, wann und in welcher Abteilung ich nun wieder beginnen würde.
Ich hätte mir denken können, was kommt, denn der Branddirektor war den Fragen der Presse dazu die ganze Zeit ausgewichen. Jetzt überließ er es natürlich einem seiner Abteilungsfuzzis, mir die Wahrheit zu sagen.
Der Abteilungsleiter Zentrale Dienstleistungen hatte scheinbar nur auf sein Stichwort gewartet. Er legte seinen Arm um meine Schultern, zog mich zur Seite.
»Sie arbeiten ab sofort im Tagesdienst in der Zentralwerkstätte. Das dürfte nicht zu anstrengend für Sie sein«, teilte er mir gönnerhaft mit. Mein ehemaliger Wachabteilungsleiter ergänzte: »Das können Sie auch mit einem Auge bewältigen, Fogos«.
Nach einer Schrecksekunde konterte ich: »Herzlichen Dank. Strahlrohre polieren und Schläuche waschen also. Klar. Das war immer mein Wunsch gewesen, als ich zur Feuerwehr ging.«
Obwohl er recht säuerlich dreinblickte, genehmigte mein neuer Chef den sofort gestellten Urlaubsantrag. Acht Monate dienstunfähig, da bleiben auch ein paar Urlaubstage liegen.
Ich wollte nur noch raus aus München, raus aus Deutschland.
Fluchtartig verließ ich die Hauptfeuerwache. Ich ging in das nächstbeste Reisebüro. »Kann ich Ihnen helfen?«, fragte mich das junge Dingchen.
Als ob mir jemand helfen könnte. Doch ich beherrschte mich: »Eine Woche Urlaub und ich will weg.«
»Wo soll denn die Reise hingehen?«
Ja Herrgottsnochmal! Wozu gibt es Reisebüros?
Bewundernswert meine Selbstbeherrschung: »Machen Sie mir Vorschläge.«
Ich betrachtete die Plakate an den Wänden, sie flötete: »Ich kann Ihnen Urlaubsziele in der ganzen Welt anbieten, empfehle Ihnen aber, nicht zu weit zu fliegen, wenn Sie nur eine Woche Zeit haben.«
Mein Blick blieb an einem Bild des Markusplatzes hängen. Venedig, dachte ich, dort feierten wir vor 15 Jahren unseren Lehrgangsabschluss. Es war eine seltsame Reise für Hauptbrandmeister gewesen. Schon in der ersten Nacht des Aufenthaltes fackelte unser Hotel. Wir brachen daraufhin die Reise ab.
Laut sagte ich: »Haben Sie in Venedig ein Hotel, dass sich der mittlere Dienst leisten kann?«
Erleichtert ging sie an ihren Arbeitsplatz, durchforstete den Computer.
Nach wenigen Augenblicken lächelte sie entspannt: »Hier. Ein kleines Hotel. Es liegt in einer Seitengasse, etwas abseits von den Touristenströmen.«
Der Preis, den sie nannte, war akzeptabel.
»Wie möchten Sie anreisen?«
»Was für Möglichkeiten gibt es denn?«
»Mit dem Flugzeug sind Sie am schnellsten dort. Mit etwas Glück bekommen wir noch einen Billigflug.«
Ich nickte, doch nach ein paar Minuten schüttelte sie den Kopf: »Leider kann ich Ihnen erst in drei Tagen einen Flug anbieten. Wie wäre es mit dem Auto? Die Parkgebühren sind zwar recht hoch, aber Sie wären in gut drei bis vier Stunden dort.«
Auf Auto fahren hatte ich keine Lust.
»Dann bleibt nur der Zug. Die nächste Verbindung geht in … warten Sie … in drei Stunden. Sie wären morgen Vormittag in Venedig.«
Was soll‘s? Ich hatte ja Zeit, also bat ich: »Buchen Sie den Zug.«
20 Minuten vor Abfahrt des Zuges saß ich mit meinem Seesack am Bahnsteig. Auf der Fahrt dachte ich darüber nach, dass ich eine Entscheidung treffen musste: Entweder verließ ich den Feuerwehrdienst oder ich würde den Rest meiner Dienstzeit den Kollegen beim Ausrücken zusehen. Nun ja, Michael hat schon recht, wenn er meint: »Nur, weil ich bei der Feuerwehr arbeite, riskiere ich noch lange nicht meinen Arsch für irgendwelche Idioten.«
Was dabei herauskommt, wenn man den Job zu ernst nimmt, kann ich jeden Morgen im Spiegel sehen.

1

Das Hotel, in dem ich eincheckte, entsprach der Preisklasse des mittleren Dienstes. Nicht besonders luxuriös, dafür eine nette Dame an der Rezeption.
Ich nutzte den Tag zum Herumschlendern, fand sogar unser Hotel von damals. Ich hatte es anders in Erinnerung, aber es war ja auch abgebrannt.
Den Nachmittag verbrachte ich grübelnd auf dem Balkon meines Zimmers, bis mich mein grummelnder Magen dazu aufforderte, feste Nahrung zu mir zu nehmen. Das Hotel hatte kein eigenes Restaurant, also fragte ich an der Rezeption, wo ich zu Abend essen könne.
Die junge Angestellte schlug vor: »Gehen Sie in das ‚da Kuno‘. Es ist nicht weit von hier entfernt.«
Sie reichte mir eine Visitenkarte des Restaurants über die Theke. Auf der Rückseite war eine kleine Wegskizze aufgedruckt. Sogar meine Exfrau hätte damit zum Lokal gefunden.
Da ich für italienische Verhältnisse frühzeitig in das Lokal kam, konnte ich mir einen Platz in einer abseits gelegenen Ecke aussuchen. Ich wollte nicht angestarrt werden.

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