Prolog

Die Frau mit den streng zurückgebundenen Haaren sank in den Sessel mit dem abgewetzten Lederbezug. Es stimmte also: Er kommt zurück. Er, der alles zerstörte.
Sie war doch noch ein Kind gewesen. Damals. Als sie ihren Vater fand.
Sie schloss ihre Augen. Sofort sah sie die schief abgelaufenen Sohlen. Die helle Stelle am rechten Schuh. Er zertrat die Zigarettenkippen immer mit einer kurzen energischen Bewegung. Wie oft hatte sie gehofft, dass es die endgültige Drehung, die endgültig letzte Zigarette sei. Sie sah die Anzughose, in der die Beine ihres Vaters sanft schaukelnd vom Tod an der Decke der Garage zeugten.
Das Gesicht des Mannes, den sie bald treffen würde, stand klar und deutlich vor ihren Augen. Sie wunderte sich über ihr Lächeln, mit dem sie ihre Augen öffnete und aufstand.
Dem Wandtresor entnahm sie ein Päckchen, braunes Packpapier, der spröde Gummiring zeriss, als sie ihn abzog und den Inhalt freilegte.
Das hatte der Vater sie noch lehren können: »Bereite dich auf das vor, was kommen mag. Dann bist du nie überrascht.«
Nun, sie hatte sich vorbereitet. Schon vor Jahren.
Dann versank sie in eine Arbeit, die sie schon lange nicht mehr verrichtet hatte. C4, der Spezialkautschuk aus ihrer alten Firma und ein paar Stahlkugeln.

1

Will wischte sich den Schweiß von der Stirn, klammerte sich an das Geländer. Den Anstieg zur Burgruine hatte er vor mehr als 30 Jahren zuletzt in Angriff genommen.
Mit Hermine. An jenem Abend, an dem er ihr sagen wollte, dass er nicht mehr ohne sie leben wollte, nicht mehr ohne sie leben konnte.
Will Smolder lehnte keuchend am Geländer, das die Stufen zum Burgfrieden flankierte. Er schüttelte den Kopf. Ganz hinauf würde nicht gehen. Nicht mit seinen 74 Jahren.
Der Abend vor vielen Jahren hatte für ihn mit Hoffnung begonnen, wusste er doch, dass sie ihn ebenfalls liebte. Hermine war im achten Monat schwanger gewesen.
Emily.
»Was für ein Tag«, murmelte Will und versank in trauriger Erinnerung.
Der Abend hatte in Hoffnungslosigkeit geendet. Sie wollte François, der sie so vernachlässigt hatte, nicht verlassen.
Zehn weitere Jahre waren der Enttäuschung gefolgt. Will hatte mit François, so als sei nichts gewesen, die Firma geleitet. Zehn Jahre lang jeden Tag Hermine sehen. Zehn Jahre lang das Mädchen aufwachsen sehen und sie nicht in den Arm nehmen dürfen. Hoffnungslosigkeit kann nicht schlimmer sein, wenn du aus Liebe nicht lieben kannst.
Lange Zeit war es nur eine Ahnung gewesen. Eine Ahnung, die sich auswuchs zur schmerzhaften Erkenntnis, die François lachend kommentiert hatte: »Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, Emily hat deine Augen, mein Freund.«
Dann war er gegangen. Ohne Abschied, keine Nachricht.
Will sah hoch zur Burg. Heute erst war er in Deutschland gelandet. Vor einer Woche hatte er François Sohn angerufen und mit ihm ein Treffen für den morgigen Tag vereinbart. Ein Kooperationsangebot mit dem größten Geoinformationsanbieter Nordamerikas stieß natürlich auf dessen Interesse.
Robert hatte keine Ahnung, wer er war. Genauso wenig wie Emily wissen konnte, dass sie seine Firma erben würde.
Hermine hatte wohl all die Jahre das Gebilde der Lüge einer Familie aufrechterhalten.
Umso überraschender der Ausdruck einer E-Mail an sein Hotel, der ihm beim Einchecken überreicht worden war.
Will setzte sich auf die Gitterstufen, die hinauf zur Burg führten.
Seine Gedanken wanderten 30 Jahren in die Vergangenheit. Er hatte alles zurückgelassen. Seinen Namen, seine Liebe, seine Vergangenheit.
Er zog den Ausdruck aus seiner Jackentasche und las: »Ich muss Sie treffen. Burg Kirkel. Am Abend, bevor Sie sich mit Robert Truttaud treffen. 19.00 Uhr. Kommen Sie allein, wenn Sie die Frau immer noch lieben.«
Wer konnte davon wissen? Und warum ausgerechnet an diesem Ort, an dem Hermine sich gegen ihn entschieden hatte?
Ein Blick auf die Uhr zeigte Will, dass er noch zehn Minuten warten müsste. Die Gestalt im Schatten der Hütten bemerkte er nicht.
Ohne es selbst zu merken, sagte er halblaut: »Im Dunkeln breche ich mir die Füße auf diesem Weg. Sie kann es nicht wissen.«
»Was kann ich nicht wissen?«
Selbst das Erschrecken geschieht im Alter langsamer, dachte Will, während er den Kopf drehte.
Sie stand hinter ihm: »Ich dachte schon, du kommst nicht.«
»Nun«, antwortete Will bedächtig und zog sich am Geländer hoch, »Ihr Brief hat mich überrascht. Ich würde gerne wissen, wer Sie sind.«
Sie reichte ihm den Arm: »Du wirst morgen Vormittag Robert in der Firma besuchen?«
Will betrachtete die Frau erstaunt: »Du?«
»Schön, dass du mich erkennst.«
»Du ähnelst deiner Mutter sehr.«
»Komm mit hoch zum Bergfried.«
»Ich bin zu alt.«
»Ich führe dich. Wir haben Zeit.«
Während sie ihn sanft aber unbarmherzig den Steg nach oben zog, stellte Will fest: »Dein Bruder erwartet mich zum Lunch.«
»Keine Sorge«, beruhigte sie ihn, »du wirst genug Zeit haben, dich ausruhen. Vater gönnte sich nach einer langen Reise auch Ruhe.«
Will räusperte sich und schwieg.
Sie erreichten die Plattform vor dem Rundturm mit dem umwerfenden Blick über das Land. Die Frau unterbrach das angestrengte Schweigen: »Wir wollen nicht über Vater reden.«
»Wohin führst du mich?«
»Ich möchte mit dir auf das Land hinaus sehen, während wir reden.«
Will sah sie an. Sollte er es jetzt und hier sagen? Wie würde sie es aufnehmen?
Er begann: »Deine Mutter …«, geriet jedoch ins Stocken und fragte: »Nun – warum sind wir hier?«
Sie führte ihn zu der auf einem Sockel angebrachten Tafel, auf der Richtung und Entfernung verschiedener Orte eingraviert waren.
Am Boden stand ein Einkaufskorb. Sie nahm ein flaches, silbernes Päckchen heraus und entfernte die Aluminiumfolie, in der es eingepackt war.
»Flammkuchen?«, fragte Will.
Sie sah ihm mit dem Lächeln ihrer Mutter an: »Ich vermute, du hast seit vielen Jahren keinen Tarte Flambée mehr bekommen, oder?«
Will lief das Wasser im Mund zusammen, während er ihr beim Auspacken zusah.
Die Frau bat: »Kannst du bitte den Wein entkorken? Die Flasche liegt im Korb.«
Will bückte sich. Vorsichtig stellte sie das Holzbrett auf die Platte, richtete es akkurat aus und zog unbemerkt einen Metallstift aus dem Griff des außergewöhnlich dicken Bretts.
Aus ihrer Blousontasche zog sie einen Papierstreifen, legte ihn mit der Schrift nach oben auf den Flammkuchen.
Will richtete sich auf: »Hier ist kein Wein.«
Sie achtete darauf, dass sie weiterhin zwischen ihm und dem Flammkuchen stand: »Nein? Ich muss ihn im Auto vergessen haben.«
»Das macht doch nichts.«
»Doch doch. Ich hole ihn. Währenddessen kannst du ja schon beginnen.«
»Also bitte. Natürlich wartete ich mit dem Essen auf dich. Obwohl ich zugeben muss, dass mir das Wasser im Mund zusammenläuft.«
Sie legte ihre Hände auf seine Schultern und drehte sich mit ihm, so dass er mit dem Rücken zum Flammkuchen stand: »Nein. Dann ist ja alles kalt. Ich bin in fünf Minuten zurück. Wir trinken ein Glas Wein und reden über die alten Zeiten, ja?«
Sie wunderte sich über sich selbst, dass sie es trotz all dem Hass und Ekel schaffte, ihm einen Kuss auf die Stirn zu drücken: »Bis gleich.«
Zügig eilte sie die Treppe hinab, während Will ihr nachsah, dabei mit den Fingerspitzen seine Stirn berührte.
Der Kuss hallte tief in seinem Innern nach. 42 Jahre hatte er darauf gewartet. Wusste sie es?
Schweratmend hatte sie die Unterburg erreicht, lief weiter hinunter bis zum Fuß des Berges, während ihre Tränen über das Gesicht liefen.
Sie blickte hinauf, flüsterte: »Für dich, Papa.«
Kein Mensch war zu sehen, das Flammkuchenhaus hatte seinen Ruhetag. Die wenigen Anwohner siechten vor den Fernsehern, wie das bläuliche Flackern bewies, das in den Fensterscheiben schimmerte.
In dem Moment, in dem sie den Motor startete, wandte sich Will dem Flammkuchen zu, las den Zettel, der auf dem Flammkuchen lag:

Du erbatest dir nie Verzeihung.

Will war irritiert: »Was bedeutet das?«
Wie damals als Junge beugte er sich tief über den Flammkuchen, um das Aroma des heißen mit Zwiebeln und Speck belegten Fladens einzusaugen, während er das erste Stück vom Holzbrett zog. Er war schon immer der Meinung, dass nur in diesem Moment der Flammkuchen sein Aroma vollständig preisgäbe.
Er biss genussvoll hinein. Seine Zunge kombinierte den Geschmack mit dem Aroma in der Nase.
Gleichzeitig verarbeitete sein Gehirn das leise Klicken. Doch es begriff zu spät.
Niemand würde später sagen können, was ihm zuerst das Augenlicht nahm: die Stahlkugeln, die seinen Augapfel platzen ließen oder die Stichflamme, die alle Flüssigkeit in ihnen verzehrte.
Metallsplitter spickten seinen Schädel, verwandelten seine hohe Stirn in das Fraktal eines Ritterhelms. In Bruchteilen eines Gedankens zerstampften die aufschlagenden Stahlkugeln seine Nase in einen unförmigen, blutigen Klumpen, aus dem Knochensplitter wie Lanzen hervorstachen. Gleichzeitig schlugen ihm weitere Kugeln die Zähne in den Rachen, wo sie zitternd stecken blieben.
Auf seinem rechten Auge klebte der Teig, von dem der Sauerrahm tropfte, eine zehntel Sekunde. Ein Splitter katapultierte die rotweiße, geleeartige Pampe aus Sauerrahm, Blut und zermatschten Augapfel tief in die Augenhöhle.
Die Schmerzen explodierten in Wills Gehirn zu einem einzigen Urknall. Dass ein Holzsplitter seine Halsschlagader im selben Moment durchtrennte, als messerscharfe Eisensplitter den Kehlkopf zu Hackfleisch hämmerten, nahm Will nicht wahr.
Sein Gehirn formte den letzten Gedanken in diesem Leben, der weder die Frage nach dem Warum noch die Verursacherin seines Endes beinhaltete. Es war die Frage eines Technikers: »Claymore-Mine?«
Die grelle Flamme des weißen Phosphors, der so geschickt eingearbeitet war, dass er erst jetzt zündete, bereitete ihm keine Schmerzen mehr, obwohl er mit dem, was von seinem Gesicht übriggeblieben war, in die Reste des letzten Tarte Flambée seines Lebens eintauchte.
Sein Gesicht, das Holzbrett, der Flammkuchen und der Zettel verbrannten zu einer stinkenden Masse, die der fast unversehrte Körper langsam von der Stahlplatte auf den Felsboden zog.
Die beiden Männer, die den Weg zur Burgruine hoch hetzten, erreichten den alten Mann, als sein Leichnam zu Boden rutschte und das Moos in den Spalten des uralten Felsbodens gierig das Blut aufsog.
»Holy Shit. Call Washington for instructions.«

2

»Scheiße, nein! Das ist meine letzte Zigarette.«
»Seid ihr aber schnuckelig da unten«, schallte es leicht lallend vom Kran herab.
Der Typ vom Kriseninterventionsteam, Roland Herrmann, rollte mit den Augen: »Jetzt stell dich nicht so an, der Typ da oben raucht. Ich brauch was, um mit ihm ins Gespräch zu kommen.«
Widerwillig drückte Franz ihm die Packung in die Hand: »Besorg dir doch mal selber welche. Und einen Kasten Bier. Bis jetzt war jeder dieser Fast-Selbstmörder entweder Raucher oder Säufer oder beides.«

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