Prolog

»Du musst nur Jim für ein paar Tage außer Gefecht setzen und am Donnerstagabend im Dienst sein. Es wäre ja nicht deine erste erfolglose Reanimation. – Nichts aber. Du möchtest doch sicher nicht, dass Sabines Eltern und dein Chef erfahren, wie du dein Gehalt aufstockst, oder?«
»Du Drecksau.«
»Hey. Hey. Wer ist hier die Drecksau? Ich verhökere kein Crystal an Kids. Und jetzt jammere nicht herum, dass du mit den 1.500 Euro, die du als Rettungsassi verdienst, nicht herumkommst.«
Während der Gesprächspartner am anderen Ende der Telefonleitung versuchte zu argumentieren, grinste der blonde Mittzwanziger nur, dann unterbrach er: »Schluss jetzt! Du willst bei den Mollwegs einheiraten. Tu, was ich dir sage und ich werde für immer schweigen.«
Achtlos ließ er den Telefonhörer fallen und riss das Telefonkabel aus der Wanddose. Er brauchte jetzt Ruhe, unbedingte Ruhe. Zwei Wochen zuvor hatte Cedric seine letzte Chance vertan, als er ihn aus dem Probenraum von Han’on geworfen und ihn als drittklassigen Schulgitarristen bezeichnet hatte. Am schlimmsten war aber, dass er den Random Riff als seine eigene Komposition verkaufen wollte. Cedric hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, diesem wunderbaren Akkord einen eigenen Namen zu geben. Die Zeitung mit der Vorankündigung für den Gig in Elkes Kneipe lag neben der Gibson, dem Lötkolben und einigen elektronischen Bauteilen auf dem Tisch. Er las zum einhundertsten Mal das Zitat von Cedric: »Der Random Riff wird mein Durchbruch.«
»Es ist mein Riff!«, schrie er in den Raum, schwang die mühsam dekorierte Gitarre über seinem Kopf, bereit, sie gegen die Wand zu schmettern. Ein letzter Rest Verstand ließ ihn zur Besinnung kommen und vorsichtig legte er das Instrument auf den Arbeitstisch. Cedric, der seine Gibson über alles liebte, hätte sie nicht als eine Kopie erkannt.
Nachdem er sich beruhigt hatte, zog er die Arbeitsplatzlupe über die Gitarre, schaltete die Lampe ein. Den Tonabnehmer auszubauen war eine Kleinigkeit gewesen. Doch jetzt musste er sich konzentrieren, denn die Extrabauteile im Korpus der Gitarre durften nicht auffallen.

1

Auf dem Rastplatz standen außer Fogos Auto nur noch ein silbergrauer CLK und ein uralter, blauer Ford-Granada, aus dem ein Paar ausstieg, das zusammen mindestens 130 Jahre alt war. Baul blickte fassungslos auf seinen fast neuen, nur zehn Jahre alten 5er-BMW.
Seine Halsschlagadern pulsierten Schlag für Schlag gegen seinen Hemdkragen. Seine Augenklappe vibrierte, während er sich mühsam beherrschte, nicht zu schreien. Enya kaute auf ihrer Unterlippe herum, vermied es, Baul anzusehen, tastete zaghaft nach Bauls Hand, der sie unwirsch wegzog und mit beiden Händen durch seine Haare fuhr.
Bläuliches Pulver rieselte aus seinen Haaren, legte sich als süßmetallisch schmeckender Schleier über seine Lippen. Dasselbe Pulver hatte die Polster des BMW versaut, versah das Lederlenkrad mit einem durchaus interessanten Überzug. Schwach durchdrang die Armaturenbeleuchtung die dicke Schicht Löschpulver.
»So, das Feuer ist aus«, freute sich der Schnösel im Anzug und schwenkte heroisch den kleinen Feuerlöscher. Im Brustton des von sich überzeugten Idioten stellte er fest: »Schneller als die Feuerwehr.«
Die ältere Dame am gegenüberliegenden Parkplatz schüttelte entsetzt den Kopf, während ihr Gatte nur mit weit aufgerissenem Mund zu Baul und Enya glotzte. Enya wich einen Schritt von Baul zurück, bevor sie feststellte: »Da haben wir ja echt noch mal Glück gehabt.«
Das war zu viel für Baul, der explodierte: »Glück nennst du das? Glück? Der Typ hat meinen Fünfer ruiniert.«
»Schatz, der Brand ist gelöscht. Du solltest dich freuen.«
»Richtig,« bekräftigte der Schnösel, »Ihr Wagen hätte ausbrennen können.«
»Ausbrennen? Ausbrennen?«
Baul sprang auf den Mann zu, riss ihm den Feuerlöscher aus den Händen. Ein Rest Pulver folgte der Schwerkraft und verließ die Löschdüse, um in Bauls Nacken zu landen.
Der alte Mann drängte seine Partnerin, in den Granada einzusteigen. Die Türen knallten zu und der Alte schaffte es sogar, die Reifen durchdrehen zu lassen. Jetzt waren sie nur noch zu dritt.
Baul holte mit dem Feuerlöscher aus: »Ich poliere dir die Fresse, du hirnverbrannter Volldepp. Das Feuerchen hätte ich mit meiner Augenklappe löschen können.«
Der Fremde erkannte den Ernst der Lage und spurtete zu seinem CLK. Zehn Sekunden später sahen Enya und Baul ihm nach, wie er aus der Ausfahrt raste.
Scheppernd rollte der leere Feuerlöscher über den Asphalt.
»Warum? Enya, warum?«
»Ich hab nur den Zigarettenanzünder reingedrückt. «
»Deine Scheiß Raucherei bringt dich noch irgendwann um.«
Enya sog die Luft durch ihre flatternden Nasenflügel ein, bevor sie loslegte: »Ach ja? Und was ist mit deinem Fahrstil? Seit Bremerhaven rast du wie ein Bekloppter. Allein schon wie du in diesen Rastplatz gefahren bist. Erst den Laster noch schnell überholen und mit quietschenden Reifen dann abbiegen. Wer bringt uns noch irgendwann um?«
»Mein Fahrstil? Mein Fahrstil? Ich muss dich wohl nicht daran erinnern, wie du in Italien fährst?«
»Das ist etwas anderes. Dort fahren alle so. Wir Italiener können das.«
»Ach ja. Ihr könnt das? Klar, doch. Dort ist es auch egal, wie die Karre ausschaut. Mir ist es aber nicht egal. Was hast du angestellt, dass dieser Blödmann von anzugtragendem Mercedesfahrer meinen BMW in ein Pulverlager verwandelt hat?«
»Ich soll etwas angestellt haben? Wenn du nicht ständig selbst an deiner Karre herumschrauben würdest, dann hätte der Zigarettenanzünder funktioniert. Was kann ich dafür, dass aus dem Anzünder plötzlich Qualm kommt?«
Baul schlug sich mit der Hand auf die Stirn: »Qualm? Nur Qualm? Und deshalb lässt du diesem Idioten einen Pulverlöscher abdrücken?«
»Was sollte ich denn machen? Ich habe nach dir gerufen. Aber du musst dich ja unbedingt in die Büsche verkriechen.«
»Hätte ich wie ein Hund an den Autoreifen pinkeln sollen?«
»Nein, aber du hättest bei der letzten Rast auf die Toilette gehen sollen.«
»Ich geh nicht prophylaktisch aufs Klo. Ich hätte normalerweise überhaupt nicht gemusst. Das ist nur dieses Gesöff, das du unbedingt kaufen musstest. Wasser hätte es auch getan. Das ist ja der reinste Blasentee.«
»Ach? Jetzt bin ich wieder an allem schuld. Und warum bist du nicht gekommen, als ich schrie?«
»Ich hörte dich nicht.«
»Der freundliche Herr hat mich zum Glück gehört.«
»Der freundliche Herr«, blaffte Baul, »und da hast du das kleine hilfsbedürftige italienische Mädchen gespielt, das mutterseelenallein auf einer deutschen Autobahnraststätte steht?«
»Baul!«
»Schau dir die Scheiße doch an! Der Fünfer ist voller Pulver. Das krieg ich nie mehr raus.«
»Ich saug den Wagen aus.«
»Bahh. Und dann? Das verfuckte Löschpulver hängt in der Lüftung, weil dein neuer Mercedes-Spießer-Krawatten-Schleimarsch-Freund mit dem Löscher rumgewedelt hat, wie ein räudiger Köter mit seinem ausgefranstem Schwanz vor einer läufigen Hündin.«
Die Ohrfeige kam von links. Nicht fair, aber Enya wusste, dass sie nur so eine Chance hatte, ihn zu treffen – wenn er die herannahende Hand nicht rechtzeitig sehen konnte.
Enya plärrte: »Du Vollidiot. Wäre es dir lieber gewesen, dein heißgeliebter BMW wäre abgebrannt?«
Baul holte tief Luft, bevor er Enya in unverminderter Lautstärke antwortete: »Tausendmal lieber. Außerdem, du – du kleine venezianische Gauklerin: Zeig mir doch, was hier angeblich gequalmt hat. Ich sehe nämlich nichts. Nur Löschpulver.«
»Ohh, du. Du.«
Sie riss die hintere linke Tür des BMW auf und ließ sich auf die Rückbank fallen. Erneut stieg eine Pulverwolke auf. Hustend sprang sie heraus: »Lass dir was einfallen, ich will nach Hause.«
Baul klemmte sich hinter das Steuer und drehte den Zündschlüssel.
Klack. Noch einmal. Klack. Noch einmal. Nichts.
Enya setzte sich ins Gras neben der Parkbucht und sah dem Verkehr auf der Autobahn zu, während Baul wütend den Automobilclub anrief.
Nachdem er seine Mitgliedsnummer genannt hatte, sagte er: »Mein Wagen hat gebrannt und ich müsste abgeschleppt werden – Nein – nein, ich brauche keine Feuerwehr! – Ja, Herrgottsnochmal, wenn ich es doch sage, so ein Idiot hat den Brand, wenn es denn überhaupt einer war, mit einem Feuerlöscher abgelöscht. Er springt nicht mehr an. – Nein, das hat keinen Sinn, er muss in die Werkstatt. – A7, Rastplatz Fuchsgraben. – Danke!«
Baul legte auf, schimpfte aber weiter: »So ein Idiot, will der mir die Feuerwehr schicken.«
Enya wagte es, einzuwerfen: »Du sagtest doch, er hat gebrannt.«
»Und? Brennt er etwa jetzt?«
»Das kann doch der Typ nicht wissen, er meinte es doch nur gut.«
»Ach? Er meinte es nur gut, ja? Mit diesem Satz werden Kriege begonnen und BMW zu Schrotthaufen gelöscht. So ein Schwachkopf.«
Baul lehnte sich an die Motorhaube seines Autos und schweigend warteten die beiden auf den Abschleppdienst.
Zwanzig Minuten später hatte der Abschlepper den BMW auf der Ladefläche verstaut. Baul und Enya stiegen zum Fahrer ins Führerhaus.
»Wo soll ich euch denn absetzen?«, fragte der Fahrer.
Baul wollte wissen, wohin er den BMW bringen würde.
»Ist dir die Werkstatt egal oder soll es eine BMW-Werkstatt sein?«
Enya verschränkte die Arme vor der Brust und murmelte: »Natürlich BMW.«
Baul sagte im gleichen Moment laut: »Natürlich BMW.«
»Ok. Und wo kann ich euch beide hinbringen?«
»Keine Ahnung. Kannst du uns ein Hotel in der Nähe empfehlen?«
Der Fahrer griff in die Brusttasche seines ölverschmierten Overalls und fingerte ein Handy heraus: »Ich frag mal nach.«
Er klemmte sich das Telefon, nachdem er eine Nummer gewählt hatte, zwischen Ohr und Schulter. Es dauerte nur einen Moment, bis er anfing zu reden: »Ich bin’s. Hab hier ein Paar, das ein Bett für die Nacht braucht.«
Während er auf die Antwort wartete, startete er den Motor, fuhr los. Kurz darauf, nachdem er seinen Abschleppwagen auf die Autobahn eingefädelt hatte, fragte er Baul: »Zimmer mit Frühstück. 75 Euronen. Ist das okay?«
»Pro Person?«, wollte Enya wissen.
»Nein. Das Doppelzimmer.«
Baul nickte mit dem Kopf.
Der Fahrer sprach wieder ins Telefon: »Geht klar. In einer halben Stunde sind wir da.«

 

2

Jim öffnete die Tür nur einen Spalt und stellte erstaunt fest, wer da vor seiner Werkstatt stand: »Holger?«
»Servus Jim. Kann ich mal reinkommen?«
Jim gab die Tür zu seiner Werkstatt frei: »Wenn es sein muss.«
Auf dem Fensterbrett stand eine Reihe von Wasserflaschen. Handgeschriebene Aufkleber lösten sich teilweise, auf anderen Schildern war die Beschriftung kaum noch lesbar.
Jim setzte sich auf einen Drehschemel und griff nach einer Flasche, die nicht auf dem Fensterbrett, sondern auf der Werkbank stand.
Nachdem er getrunken hatte, fragte er: »Was willst du?«
Holger grinste Jim an: »Hey, ich weiß, wir sind nicht die allerbesten Kumpels, aber ich habe ein Problem.«
»Und? Wen kümmert es?«
Holger lehnte sich gegen die Werkbank, stand jetzt neben Jim, der sich nur leicht in seine Richtung drehte, gab zögernd zu zu: »Ich weiß, es war nicht fair von mir, dir damals Lisa auszuspannen. Aber – «
Jim fuhr ihn an: »Aber was?«
»Na komm schon, sie hätte dich sowieso früher oder später sitzen lassen.«

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