Cover Hamburger Hot Dog
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Prolog

»Guten Morgen, Frau Möller.«
Henriette Möller hatte ihre dünnen grauen Haare wie immer unter einem Kopftuch versteckt, das sicher schon 60 Jahre alt war und damit nur zehn Jahre jünger als die Frau selbst. Vergeblich streckte sie sich nach den Tüten mit den Leckerlis für Hunde.
Zum Glück kam ihre Nachbarin gerade in den Gang. Frau Möller lächelte und sprach sie an: »Ach, Frau Kreisle, kommen Sie vielleicht an die Tüten ran? Letzte Woche standen die noch weiter unten. Ich verstehe nicht, warum die hier die Sachen immer an einen anderen Platz räumen.«
Amper Kreisle war mit ihren 1,52 m zwar auch nicht größer als die alte Dame, erreichte aber die Tüten, indem sie sich auf die Zehenspitze stellte.
Henriette Möller, die Amper nur kurz angesehen und sich auf das Regal konzentriert hatte, damit die junge Frau ihr auch wirklich die richtigen Sachen herunter holte, drehte sich zu der jungen Frau und erschrak ein kleines bisschen: »Mein Gott, Liebes. Lassen Sie es. Entschuldigen Sie bitte, dass ich nie daran denke, dass Sie in Umständen sind. Zwei Päckchen bitte.«
Amper legte die Tüten Hundeleckerli lächelnd in Frau Möllers Einkaufswagen, in dem schon zwei kleine Säcke Hundefutter lagen. Sie legte der alten Dame die Hand auf die Schulter und stellte mit leicht tadelndem Unterton fest: »Frau Möller, ich bin doch nicht krank. Nur schwanger. Die sind aber ganz schön teuer. Sie haben doch auch keine so große Rente, oder?«
»Vielen, vielen Dank. Andere Leckerli mag mein Lupo nun mal nicht. Wann ist es denn bei Ihnen so weit?«
»Ach, es dauert noch sechs Wochen. Aber ehrlich gesagt – so langsam wird es Zeit.«
Henriette Möller erzählte ungefragt Bekanntes : »Lupo ist ein Labrador. Mein Mann – Gott habe ihn selig – war nach seiner Pension vor zehn Jahren der Meinung, wir bräuchten einen Hund, der uns in Bewegung hält. Aber Johann ist vor fünf Jahren von mir gegangen und ich laufe doch so schlecht. Lupo will zum Glück nicht mehr viel laufen, geht nur zweimal am Tag in den Garten. Zum Glück hat Johann ihm beigebracht – ach, Frau Kreisle, es wird nicht leichter für mich. Lupo ist jetzt auch schon zehn Jahre alt. Ich kann ja nur diese kleinen Futtersäcke schleppen. Und das auch nicht richtig. Dreimal in der Woche muss ich Futter einkaufen. Und diese Zahnpflegeknochen, sonst riecht er so aus dem Maul und dabei habe ich doch nur eine kleine Rente. Mein Johann war ja nur Briefträger.«
»Kann ich Ihnen noch helfen? Ansonsten müsste ich auch weiter.«
Die alte Frau strahlte sie an: »So lieb von Ihnen. Und das, obwohl -«
»Auf Wiedersehen, Frau Möller.«

1

Das kleine verstaubte Fenster lag viel zu hoch, als dass es geöffnet werden könnte. Es ließ kaum Tageslicht in den Kellerraum fallen, der etwa sieben Meter breit und fünf Meter tief war. Die Bruchsteinwände waren sicherlich einen Meter dick. Standhaft seit mehr als einhundert Jahren. Von ihnen ging trotz des ehemals weißen Kalkputzes eine eigenartige feuchte Unnahbarkeit aus. Kalt und ungemütlich das Licht der Glühbirne, die ebenso staubrußig war wie das Fensterglas. Erbärmlich nackt baumelte sie in der Mitte des Raums. Die Fassung war mit Schraubklemmen an den drei Drähten des Kabels, das aus der Betondecke ragte, angeklemmt.
Die monatelangen Versuche mit den verschiedensten Chemikalien hatten ihre Spuren an den Wänden und der Decke hinterlassen. Teilweise blätterte die Farbe ab, an einigen Stellen zerbröselte der Putz. An der Decke zeugte ein Rußfleck von einem Feuerchen. Den Fußboden zierte ein einst sicherlich schöner Steinzeugbelag. Die Farbe war jetzt undefinierbar, vielleicht waren es einmal graue Fliesen gewesen. In der Mitte des Raumes bedeckte ein rostiges, gusseisernes Gitter den Bodenablauf, für den Amper mehr als dankbar war. Ohne den Kanalanschluss wären die ganzen Versuche zwar möglich gewesen, aber die Spuren und Reste wären unmöglich unbemerkt zu beseitigen gewesen.
An der Decke, in gerader Linie über einer Stahlplatte, die in den Boden eingelassen war, ragte ein Duschkopf in den Raum. Von diesem verlief ein Schlauch quer über die Decke, teilte sich an einem Ypsilonstück. Ein Schlauch führte zu dem Wasserhahn, der aus der Wand neben der Stahltür ragte. Der zweite Schlauch endete, nachdem er ein Ventil passierte, in einer an der Decke montierten Pumpe, von der wiederum ein Schlauch abging, der frei über dem rechten Teil der Tischreihe hing, die u-förmig fast die Hälfte der Wände einnahm.
Am Boden vor dem Wasserhahn lag ein zwei Meter langer Gartenschlauch mit einer Pistolenspritzdüse, die Amper im Baumarkt gekauft hatte. Beinahe wäre ein Kollege, der ebenfalls in der Mittagspause einkaufen war, misstrauisch geworden. Auf seine Bemerkung, dass Amper gar keinen Garten hätte, war Amper zum Glück die Ausrede eingefallen, dass die Düse ein Geschenk wäre.
Amper ließ den Blick über die funktionelle Einrichtung des Kellers gleiten. Größtenteils waren die Möbelstücke schon bei Übernahme der Wohnung, zu der dieser Keller gehörte, vorhanden gewesen.
Zwei alte Küchentische, ein Beistelltisch, ein langer speckiger Holztisch sowie ein Tisch mit Metallplatte bildeten nebst einem Hocker die spartanische Möblierung. Über all dem lag der Geruch von Nagellackentferner.
Sorgsam betrachtete Amper den Raum. Der Argwohn, ein neugieriger Nachbar könnte eindringen und stöbern, war nie ganz gewichen.
An der linken Wand standen die beiden Küchentische. Auf dem ersten Tisch lagen zwei Haufen dieser nicht sehr großen runden Hundekuchen, die wie kleine Teigrollen aussahen. Gefüllt waren sie mit einer für Amper eklig stinkenden rosafarbenen Masse undefinierbarer Zusammensetzung. Einer der beiden Haufen bestand aus zerbröselten Rollen, der andere aus vollständigen Teilen. Diese Hundekuchen waren gerade so groß, dass ein großer Hund sie in einem Happen schlucken konnte. Amper hatte bereits herausgefunden, dass die Gier der Tiere danach so unbändig war, dass die meisten Hunde diese Dinger am Stück verschlangen. Es war nicht einfach gewesen, die für den geplanten Einsatz tauglichen Hundekuchen zu finden. Nur ein Hersteller bot diese relativ kleinen Snacks an, deren Außenseite dicht war und die im Inneren mit einer saugfähigen Mischung gefüllt waren. Allerdings schien der Hersteller wohl keinen besonderen Wert auf gleichbleibende Qualität zu legen.
Etwa ein Drittel der Snacks einer Verkaufspackung hatte eine zu dünne Außenwand, die binnen Minuten vom Aceton durchdrungen wurde. Amper hatte jedoch ein Verfahren gefunden, die Hundekuchen zu testen, bevor sie mit Chemikalien gefüllt wurden: der Knicktest. Ungeeignete Teile ließen sich sehr leicht brechen, während die bessere Qualität bei gleicher Kraft nur leicht gebogen werden konnte.
Der zweite Küchentisch glänzte silbern durch die drei Lagen Aluminiumgrillfolie, die ihn bedeckte. Darauf lagen bereits in der Mitte geteilte Hundesnacks. Zehn Stück, säuberlich durchtrennt. Amper verwendete zum Spalten eine Miniaturbohrmaschine mit Trennscheibe. Der Ton, sobald die Trennscheibe in die Snacks eindrang, erinnerte leicht an den Bohrer eines Zahnarztes, aber es war auszuhalten. Amper hatte für die ersten Versuche ein Brotmesser verwendet. Damit ließen sich die Hundekuchenteile zwar schneller teilen, allerdings entstanden dabei sehr raue und ungleichmäßige Trennflächen. Diese nach der Bearbeitung mit der Membran zu verkleben, war schier unmöglich.
An der Stirnseite des Raumes stand der lange Tisch, der vielleicht vor einhundert Jahren einem Bauer als Schlachttisch gedient haben könnte. Er stand schon hier, bevor Amper einzog. Amper war sicher, dass der Tisch in diesem Kellerraum montiert wurde und ihn nie verlassen hatte. Erstens passte er nicht durch die Tür und zweitens war der Gang so schmal, dass niemand den vollständigen Tisch hätte hinaustragen können. Amper hatte den Tisch in drei Arbeitsbereiche geteilt:
Links lagen auf einem alten Backblech zwanzig der bereits hergestellten wichtigsten Bauteile der »Maßnahme Elise«, wie Amper die Aufgabe nannte. Die Membranen. Zwischen den beiden Hälften eines Hundekuchens eingefügt, verhinderte die Trennschicht, dass die Chemikalien Aceton und Perhydrol zu früh aufeinandertrafen. Zu früh bedeutete für Amper, bevor die Knochen dort waren, wo sie sein sollen. Im Hundemagen. Die ersten beiden Monate hatte Amper mit kommerziell hergestellten Membranen experimentiert. Über das Labor waren sie einfach zu beschaffen. Leider waren die Testergebnisse jedoch katastrophal gewesen und hätten beinahe zur Zerstörung des Raumes geführt. Einige der Testmembranen zerstörte das Aceton binnen weniger Minuten. Die Variante, die dem Lösemittel standhielt, versagte beim Kontakt mit Perhydrol. Ein einziges Modell gab es, dass in die engere Wahl gekommen war. Es hielt eine Stunde beiden Chemikalien stand. Jedoch konnte es nicht mit den Hundesnacks verleimt werden. Die beiden Hälften eines Hundekuchens fielen sofort wieder auseinander. Der Durchbruch gelang erst, nachdem Amper eine Doppelmembran fabrizierte.

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