Buch Cover Eichenlicht
Buch Cover Eichenlicht

Prolog

Der schwarze Anzug des Mittdreißigers saß tadellos, die goldenen Manschettenknöpfe trugen das Logo der Bank, für die er zwei Jahre im Vorstand saß. Zwei Jahre, die Christian LaCro dazu genutzt hatte, die richtigen Verbindungen zu knüpfen. Erfolgreich, denn vor einem halben Jahr hatte ihn Henry Moogan als jüngstes Mitglied des Vorstands in die Firma nach Missouri geholt. Jetzt fläzte LaCro auf dem abgenutzt-runderneuerten viktorianischen Sofa im Büro des Vorstandsvorsitzenden und freute sich: »Der transatlantische Freihandel ebnet uns den Weg. Unsere Produkte können nun auch in Europa gehandelt werden.«
Der fast sechzigjährige Vorstandsvorsitzende goss mit höchster Konzentration den edlen Whiskey in die Glasbecher mit dem eingravierten Logo. Würde man die beiden Whiskeybecher jetzt auf eine Feinwaage stellen, so betrüge der Unterschied wohl kaum mehr als eine zehntel Unze.
Nachdem die beiden Männer von dem Whiskey gekostet hatten, antwortete Moogan: »Leider ist es nicht ganz so einfach. Deshalb haben wir noch lange keine Akzeptanz in der Bevölkerung.«
LaCro lachte: »Über den Preis kriegen wir das hin. Die Leute kaufen unsere Produkte, die günstiger sein werden und über kurz oder lang bleiben die einheimischen Produzenten auf ihren Produkten sitzen.«
Moogan betrachtete nachdenklich den Sternenhimmel: »Ganz so einfach wird es nicht werden. Trotzdem haben Sie recht, es ist nur eine Frage der Zeit. Über verschiedene europäische Firmen, die wir übernehmen, wird es vermutlich einfacher.«
LaCro zog seine Mundwinkel abfällig nach unten: »Warum dieser Umweg? Ist doch egal, ob die Deutschen, die Italiener oder – oder – was weiß denn ich, wie diese Länder alle heißen. Jedenfalls können die den Import doch verweigern. Wir klagen einfach und sie haben nur die Wahl, uns Milliarden zu zahlen oder die Produkte und unser Saatgut zu importieren.«
»Nein. Das reicht nicht. Wir müssen klassisch von zwei Seiten angreifen. Einerseits der direkte Verkauf, andererseits über unsere Tochterfirmen, die schon in Europa ansässig sind.«
»Wie wollen Sie dies schaffen? Unser Saatgut ist weder zugelassen, noch wollen die Landwirte ihn kaufen.«
»Nun. Den ersten Teil bekommen wir irgendwann hin. Das ist kein Thema. Die allgemeine Zulassung zum Anbau geben sie uns. Der zweite Teil allerdings macht mir etwas Sorgen. Kein europäischer Landwirt wird unser Saatgut verwenden, solange er noch konventionelles bekommt.«
»Oder kein Saatgut von uns nachgewiesen wird, was ihn dann zum Kauf zwingt.«
»Richtig. Deshalb sieht mein Plan vor, dass unsere europäischen Tochterfirmen Land kaufen, dort unser Saatgut anbauen lassen. Den Rest erledigt die Natur.«
LaCro runzelte die Stirn: »Wenn die schon unser Saatgut nicht nehmen – warum sollten sie uns Agrarfläche verkaufen?«
Moogan lachte: »Wir kaufen ja keine Agrarfläche. Ich denke an einen Wald. Ein Waldstück, das bedauerlicherweise ein paar Wochen später einem Brand zum Opfer fällt.«
LaCro stand auf: »Ein hohes Risiko.«
»Nein. Ich habe schon ein Waldstück gefunden. Es liegt neben einem Militärübungsgelände. Unserer Army. Sie wissen doch, wie leicht bei einer Übung etwas schief gehen kann, nicht?«
»Das heißt aber noch lange nicht, dass dieser Wald verkauft wird.«
»Nun. Die Gier wird es richten. Der Wald gehört einer Gruppe von dummen Bauern und Dörflern. Der Vorteil für uns entsteht durch diese Eigentümergemeinschaft. Wir – nein, unser holländischer Agrarkonzern – macht diesen Tölpeln ein Angebot, das hoch genug ist, dass zumindest ein Teil der Besitzer seine moralischen Werte über Bord wirft. Die einfache Mehrheit genügt. Wir müssen also nicht einmal alle Eigentümer zum Verkauf bewegen.«
Er schenkte sich erneut ein, ging dann zur Weltkarte an der gegenüberliegenden Wand des Büros und deutete auf einen Punkt in Süddeutschland: »Hier ist es. Sobald wir dort unseren Weizen anbauen, sind wir im Geschäft. Dann wird es nur noch eine absehbare Zeit dauern, bis alle Welt unser Saatgut und unsere Schutzmittel kaufen muss. Ganz abgesehen davon, dass wir den amerikanischen Markt stärken, wenn die hier produzierten Lebensmittel billiger sind.«
»Was macht Sie so sicher, dass die Eigentümer des Waldes nicht ablehnen werden?«
»John. John Bakker. Er ist bereits in Deutschland, um unser Angebot zu unterbreiten. Ein unschlagbares Angebot: Für jeden Eigentümer eine Million Euro unter der Bedingung, dass sie einstimmig für den Verkauf an uns stimmen.«
»Wie viele Eigentümer sind es?«
»21.«
LaCro pfiff durch die Zähne: »21 Millionen Euro sind eine staatliche Summe für einen Haufen Dreck.«
Der Alte grinste: »So viel werden wir nicht zahlen müssen. Das Kleingedruckte. Wir bekommen den Wald für zwei Millionen Euro plus Bakkers Provision. Diese dummen Bauern haben halt das Pech, das wir Wald brauchen und immer ein paar grüne Verhinderer in diesen Gruppen ihr Unwesen treiben.«
»Warum John? Er arbeitet nicht unbedingt freiwillig für uns.«
»Ich bin mir des Risikos durchaus bewusst. John wuchs in den Niederlanden an der holländischen Grenze auf, spricht beide Sprachen. Er kam erst im Alter von 16 Jahren nach Amerika zu seiner Mutter, nachdem sein Vater bei einem Unfall starb. Offiziell ist er Abgesandter unserer niederländischen Firma. Es wäre riskanter, jemanden zu schicken, der auf einen Dolmetscher angewiesen ist, das Angebot klar zu formulieren. Wir werden den Wald bekommen. Zu unserem Preis.«
»Was springt dabei für ihn heraus?«
»Eine Million Dollar.«
LaCro hob sein Glas: »Das ist allerdings ein Anreiz. Damit kann er seine Schulden abbezahlen und sich irgendwo in Montana ein kleines Stück Land kaufen und den Rest seines Lebens vom Bioanbau dahindarben. Bis zu dem Tag, an dem er den ersten unserer Halme erntet. Rund vier Millionen Dollar sind ein akzeptabler Preis für die Eroberung Europas.«
»Gut gebrüllt. Und für mehr als für Eigenversorgung wird es für Bakker nicht reichen. Er hätte sich damals mit seiner Halbschwester einigen sollen. Sie wäre auf unser Angebot eingegangen. Der Sturkopf hat alles riskiert und mehr als das verloren. Dass die Kleine sich wegen der Schulden erhängte, ist ja nicht unsere Schuld. Cheers.«

 

 

1 – Montag

Hilbert Huber blieb einen Moment stehen. Auf dem Feld hatte das Dämmerungslicht noch ausgereicht, den Weg zu sehen. Doch bevor er den Wald betrat, wollte er seinen Augen Zeit geben, sich auf das Schattenspiel der Bäume einzustellen. Der Jäger kannte das Waldstück Eichenlicht wie seine eigene Westentasche. Er war in der vierten Generation Rechtler, hatte das Wald- und Jagdrecht von seinem Vater übernommen, wie dieser es von seinem Vater und dieser von seinem. Huber wollte nicht unbedingt aus Versehen plötzlich vor einem Keiler stehen, nur weil er ihn zu spät sieht. Sein Jagdgewehr geschultert, stapfte er auf dem schmalen Pfad in das Waldstück hinein.
Der Anruf hatte ihn vor einer Stunde erreicht. Es gäbe Wichtiges zum Kaufangebot zu besprechen und nur auf der Lichtung, die nördlich der Schonung lag, könnten sie sicher sein, in Ruhe reden zu können. Huber hatte mit Verweis auf die jetzt beginnende Vorversammlung der Rechtler das Treffen abgelehnt. Doch der Anrufer war hartnäckig geblieben. Der Hinweis auf Hubers Schuldenberg, der sich nach dem unversicherten Abbrand seiner Scheune aufgetürmt hatte, bewog ihn dazu, doch zu dem Treffen zu kommen. Huber überlegte während des fünfminütigen Weges zur Lichtung, woher der Anrufer dies wusste. Als er die Lichtung erreichte, konzentrierte er sich jedoch auf die vor ihm liegende Waldwiese. Fast unheimlich schimmerte die einzelne Eiche in der Mitte im Mondschein. Eichenlicht, dachte Huber. Von seinem Großvater wusste er, dass das Waldgebiet wegen genau dieser Szene seinen Namen bekommen hatte. Es schien tatsächlich, als ginge von der Eiche ein Lichtschein aus. Der Gewohnheit folgend, blieb er im Schatten eines Baumes stehen und sondierte die Lage. Instinktiv scheute er sich davor, in den Mondschein zu treten. Normalerweise würde er auf den Hochstand klettern und dort auf Schwarzwild warten. Doch der Anrufer hatte darauf bestanden, sich in der Mitte der Lichtung zu treffen. Sie müssten schließlich beide sicher sein, dass der Andere alleine kommt. Eindeutig kein Jäger, dachte Huber und lachte seine Sorgen weg. Er war schließlich kein Schwarzwild und zudem waren alle anderen Jäger bereits im Wirtshaus Waldblick versammelt. Er setzte trotzdem seine orangefarbene Kappe auf, bevor er in das Mondlicht trat und auf die alte Eiche zuging.
Als er sie erreichte, drehte er sich langsam im Kreis und rief: »Ich bin hier.«
Ein paar Sekunden war es still in Eichenlicht. Dann trat aus dem Schatten eine dunkelgekleidete Gestalt, die die Kapuze der schwarzen Jacke tief ins Gesicht gezogen hatte.
Huber tippte sich mit dem Zeigefinger an die Schläfe und rief: »So würde ich hier nicht herumlaufen. Leicht kann man da mit Jagdwild verwechselt werden.«
»Lassen Sie das meine Sorge sein.« Die Stimme klang undeutlich gepresst, als hielte sich der Mann ein Stück Stoff vor den Mund.
Huber fragte: »Nun, welchen Vorschlag wollen Sie mir machen? Und woher wissen Sie von den Schulden?«
»Woher ich es weiß, kann Ihnen egal sein. Stimmen Sie in der Versammlung einfach für den Verkauf von Eichenlicht und Sie haben ausgesorgt. «
»Meine Schulden bekomme ich schon in den Griff. Die Brennholzpreise steigen. Zwei oder drei Winter noch, dann habe ich das im Griff. Aber nicht, wenn wir Eichenlicht verkaufen.«
»Sie verstehen nicht. Vermeulen-Vissen wird das Land so oder so bekommen. Es ist vollkommen egal, ob Sie und noch ein paar der Rechtler gegen den Verkauf stimmen. Es ist doch nur ein Stück Land mit Bäumen darauf.«
»Wer sind Sie überhaupt? Zeigen Sie Ihr Gesicht!«
»Noch nicht. Haben Sie mich verstanden? Stimmen Sie für den Verkauf.«
»Sie verstehen nicht! Dieser Wald ist mehr als ein Stück Land mit Bäumen darauf. Er gehört seit Generationen dem Dorf. Unseren Vorfahren bot er in schweren Zeiten alles, um zu überleben. Holz zum Heizen und Bauen. Wild, um nicht zu verhungern. Die Zeiten werden nicht besser. Eines Tages werden auch die, die verkaufen wollen, erkennen müssen, dass man Geld nicht essen kann. Es zu verbrennen macht die Hütte auch nicht warm.«
Sein Gegenüber brauste auf: »Der Wald wird so oder so verkauft werden. Fällt die Abstimmung jedoch nicht einstimmig aus, sinkt die Angebotssumme und danach -«
»Danach was?«
»Danach geht der Wald für einen Appel und ein Ei an diese Mistkerle. Und genau danach sieht es im Moment aus.«
Huber nahm sein Gewehr von der Schulter und lehnte es an die Eiche, bevor er ruhig konterte: »Woher wollen Sie wissen, dass nicht die Mehrheit gegen den Verkauf ist?«
»Verdammt noch mal. Weil ich mit jedem Einzelnen von Euch Hinterwäldlern geredet habe.«
»Jetzt mal langsam, mein Freund. Es ist noch vollkommen offen, wie die Abstimmung ausfallen wird. Ich kenne die Rechtler, die reden mal so, mal so. Entscheidend ist die Abstimmungsversammlung. Ich denke, spätestens dann, wenn alle wissen, was diese Scheißfirma hier vorhat, wird es sich der eine oder andere überlegen, ob er weiterhin für den Verkauf ist. Und wenn ich nicht noch mehr Zeit hier verplempere, kann ich zur heutigen Vorversammlung gehen. Ich bin mir sicher, den einen oder anderen kann ich noch umstimmen. Eichenlicht wird nicht verkauft!«
Sein Gesprächspartner appellierte erneut: »Sie brauchen doch das Geld.«
»Ja, ich brauche Geld, aber garantiert nicht auf Kosten der Menschen, die nach uns hier leben werden. Momentan säe ich auf meinem Land noch mein Getreide an. Aber sobald Vermeulen-Vissen hier seinen Gendreck anbaut, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis der erste Halm genmanipulierten Weizens auch auf meinem Feld sprießt. Und dann muss ich das Saatgut von denen kaufen. Ganz abgesehen davon, dass niemand weiß, was dieser Weizen mit uns macht. Für wie bescheuert halten die uns?«
»Eine Million Euro. Für jeden. Da bleibt genug übrig, um sich nicht mehr Jahr für Jahr auf dem Feld abzuplagen. Jahr für Jahr zu hoffen, dass das Wetter nicht die Ernte versaut.«
Huber griff nach seinem Gewehr, um es zu schultern. Der schwarz Gekleidete sprang plötzlich vor, packte den Lauf.
Den Kampf hätte ein Beobachter zu Beginn wohl lächelnd als Schulbubengerangel abgetan, doch Hubers Gegner war stärker, zerrte Huber am Lauf der Flinte nahe an sich heran und zischte: »Vermeulen-Vissen bekommt das Land, daran kann niemand mehr etwas ändern. Es geht nur darum, ob sie dafür ordentlich zahlen müssen oder Ihr es ihnen schenkt. Vielleicht, aber nur vielleicht, sehen sie von einem Kauf ab, wenn ihr alle für den Verkauf stimmt und sie tatsächlich jedem eine Million zahlen müssten. 22 Millionen Euro, das ist selbst für Vermeulen-Vissen viel Geld. Für ein Stück Wald, das für weitere Millionen nutzbar gemacht werden muss.«
Mit einem Ruck stieß er Huber von sich weg, behielt jedoch den Lauf fest in der Hand. Huber strauchelte und ließ dabei das Gewehr los, um seinen Fall abzufangen. Er wischte am Waldboden sitzend seine Hände ab und starrte in den Lauf seiner eigenen Flinte: »Willst Du mich jetzt abknallen oder was? Lass den Scheiß.«
Der Mann mit der schwarzen Jacke grinste: »Ganz so blöde bin ich auch nicht.«
Er ließ das Gewehr durch seine Hände gleiten, sodass er es wieder am Lauf hielt. Der Kolben schwang leicht hin und her.

Und hier erhalten Sie Eichenlicht

Als Taschenbuch

Für Ihren Kindle

Für Ihren Tolino