Prolog

Ein absolut und vollkommen beschissener Freitag war das. Aber wenigstens Freitag. So langsam fing ich an, mich an den Tagesdienst zu gewöhnen. Montag bis Freitag. 7 Uhr bis 16 Uhr. Den freien Tagen während der Woche würde ich mein Lebtag nachtrauern. Für jeden Behördengang, für jeden Arztbesuch, ach einfach für alles brauchte ich plötzlich Urlaub oder Überstunden.
Die Jungs, die am Abend zuvor den Brand in der Gärtnerei gelöscht hatten, waren längst zu Hause. Wir aber standen vor einem Berg an Schläuchen, von denen die Hälfte von Glasscherben angeritzt worden war.
Das bedeutete aussortieren. Ich wasche doch keine kaputten Schläuche. Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins … nee, nur ins Eck.
Irgendjemand würde kommende Woche die Kupplungen entfernen und auf neue Schläuche montieren müssen. Irgendwie hatte ich den Verdacht, dass es an mir hängen bleiben würde. Wenn du dich am Freitag schon über Montag aufregst, dann weißt du, du bist im richtigen Job. Eventuell.
Von guter Laune war also nicht wirklich die Rede, als der Abteilungsleiter hereinkam.
Ich fragte wohl ein bisschen zu laut, ob er sich verlaufen hätte, denn er zischte mich an: »Übertreiben Sie es nicht. Außerdem bin ich wegen Ihnen hier.«
»Wegen mir? Wollen Sie mir den Orden des tapferen Schneiderleins verleihen, weil ich mich traute, die Knöpfe an Ihrer Dienstjacke anzunähen?«
»Fogos!«, brüllte er, »Sie! Sie!«
Möglicherweise wollte er nicht an die Willkommensparty für die Feuerwehrleute aus New York erinnert werden. Er hatte sich spät am Abend dazu überreden lassen, Jackenknöpfe zu tauschen. Ich mag die New Yorker Kollegen. Mein Chef griff zu einem Steakmesser, Jeremy holte die Knöpfe aus seiner Jackentasche.
Jetzt stand mein Abteilungsleiter vor mir, klatschte mit einem Briefumschlag in seine linke Hand.
Ich muss gestehen, er hatte sich gut im Griff, denn er sprach ruhig weiter: »Ich kann doch nichts dazu, dass Sie nicht mehr im Einsatzdienst sind.«
»Stimmt«, antwortete ich, »aber Sie wissen genau, dass ich vorzugsweise in der Leitstelle sitzen würde.«
Er rollte die Augen: »Das, mein Lieber, das haben Sie sich selber versaut.«
Mein Gott, der Vorfall war schon zehn Jahre her.
Gnadenlos breitete er es aus: »Wer nahm damals diesen Notruf an?«
Ich verteidigte mich: »Der Anrufer war ein Preuße!«
»Ein Preuße. Ja. Aber wir sprechen auch Deutsch.«
»Ich verstand den Typen doch. Nach einer Weile«, behauptete ich.
»Es geht nicht darum, ob Sie ihn verstanden hatten.«
»Worum dann? Es dauerte halt ein paar Sekunden, bis ich auf den Trichter kam, dass sein Auto brannte.«
Mein Vorgesetzter ließ sich auf den frisch gestrichenen Hocker nieder.
Gut, ich hätte ihn warnen können, wollte ihm aber nicht ins Wort fallen, als er deklamierte: »Fogos. Es geht auch nicht um die paar Sekunden. Das Auto war sowieso nicht mehr zu retten. Aber einen Bürger in der Notrufleitung zu beschimpfen. Ich zitiere.«
Ich blickte zu meinem Kollegen, der uns schweigend und grinsend beobachtete.
Wenn der Alte jetzt versucht bayerisch zu reden, dann kann ich mich nicht beherrschen, dachte ich.
Er tat es, sogar erstaunlich gut: »Du bläde preißische Sau, kummst nach Minga, facklst dei Rennsemmee ob. Hock di in dei Schüssl u wart bis ma do san und di aufmischn.«
Ich brachte es fertig, nicht zu grinsen.
»Mein Gott, seid ihr nachtragend. Außerdem war er ein Preuße!«, stellte ich fest.
Der Abteilungsleiter stand kopfschüttelnd auf, reichte mir den Umschlag: »Es hat sowieso keinen Sinn. Hier. Ich verstehe zwar nicht, warum ausgerechnet Sie geschickt werden. Aber der Chef will es so. Vielleicht, weil Sie uns Preußen ja so lieben. Viel Spaß und grüßen Sie die Kollegen dort.«
Ich riss den Umschlag auf. Der Brief kam von der Branddirektion Berlin.
»Was ist das?«, fragte ich.
»Lesen werden Sie ja können. Übrigens – Sie müssen nach Berlin! Keine Ausflüchte. Die Zugtickets gibt Ihnen in einer Stunde meine Sekretärin. Sie fahren am Samstag.«
Er drehte sich um und ging zur Tür.
Ich konnte es mir nicht verkneifen: »Chef!«
»Ja, was ist noch?«
»Ihre Hose«, sagte ich und deutete auf seinen Hosenboden, »hinten. Sie sollten eine neue Hose anziehen. Ich glaube nicht, dass das wieder rausgeht.«
Die Wände zitterten leicht, so sanft schloss er die Tür.
Als ich den Brief las, wunderte auch ich mich. Warum schickten sie ausgerechnet mich zu dem Symposium ‚Neuartige Löschschäume und deren Anwendung‘?
»Was ist jetzt besser?«, fragte ich laut, »kommende Woche Kupplungen abschneiden oder im Ausland, in Berlin, bei den Preußen rumhängen?«
Mein Kollege zuckte mit den Schultern: »Wenn du schon dort bist, dann nimm dir die Zeit und geh in das DDR-Museum. Es scheint gar nicht so schlecht zu sein.«
Er zog eine Schublade seines Arbeitstisches heraus und warf mir eine Mappe zu.
»Pressemappe. Hat mir mein Cousin mitgebracht.«
»Absolut voll toll«, erwiderte ich, »tagsüber auf der Tagung langweilen und abends an die hässlichste Geschichtslehrerin der Welt erinnert werden, für die das höchste Reisegefühl damals die Fahrt in die DDR war.«

1

Die Abordnung der Berliner Feuerwehr fiel optisch auf. Geschlossen standen sie in ihren Uniformen etwas abseits von der Frau ihres toten Kollegen. Ihren Gesichtern war anzusehen, dass ihnen die Situation nicht behagte. Nicht nur der Verdacht des Selbstmordes, auch das veränderte Verhalten Runges in den vergangenen Monaten war allen Anwesenden bewusst. Sollte man um den ehemaligen Kollegen trauern? Den Mann, der seine Aufgabe ernst nahm, sich selbst aber nicht? Der eine extra Schicht einschob, damit ein anderer bei der Einschulung seiner Tochter dabei sein konnte? Oder sollte man dankbar sein, dass es zu Ende ist? Monatelange Angst bei jedem Brand, ob auf ihn Verlass ist. Wochenlanges zweifeln, ob er nüchtern zum Dienst kommt. Letztlich ist er nur seiner Suspendierung zuvor gekommen, dachte Simon und erinnerte sich an jenen Tag:
Samstagabend. Die Dämmerung hatte gerade eingesetzt. Die Wachmannschaft aß zu Abend, als der Alarm hereinkam. Brand leerstehendes Wohnhaus. Bei Eintreffen des Löschzuges schlugen die Flammen aus dem westlichen Teil des Daches. Auf Nachfrage, ob Menschen im Gebäude seien, hatte ein Polizist gemeint, manchmal würden Kinder in dem Haus spielen. Aber jetzt sei es schon dunkel, da wären die Kleinen sicher zu Hause. Der Einsatzleiter befahl die Innenerkundung. Simon und Herbert bildeten damals den Angriffstrupp, rüsteten sich mit Atemschutz, Handlampe und Wärmebildkamera aus. Sie gingen über das Treppenhaus vor, zogen den C-Schlauch hinter sich her. Es war ein relativ kleines Gebäude. Erdgeschoss und Dachgeschoss. Die Treppe zum Dach befand sich auf der Ostseite. Sie konnten ohne großartige Gefährdung nach oben gehen. Das Dachgeschoss war nicht ausgebaut, sondern ein einziger leerer Raum. Vermutlich war er von den früheren Bewohnern als Abstellkammer genutzt worden. Auf ihrer Seite des Raumes standen noch Teile eines Bettes an der Wand und davor ein paar Spielsachen für Kleinkinder. Der Brand wütete, von ihnen aus gesehen im hinteren Teil. Der Blick durch die Wärmebildkamera zeigte einen brennenden Stapel aus Holz. Simon suchte den Raum ab. Außer dem Brand zeigte die Kamera nichts Ungewöhnliches. Dann entdeckten sie, dass …
Simon wurde aus seinen Gedanken gerissen. Sein Nebenmann hatte ihn mit dem Ellbogen angestoßen. Er und drei weitere Kollegen der A-Schicht sollten den Sarg in die Grube ablassen. Simon stellte sich an eines der Seile, die unter dem Sarg lagen. Ihm gegenüber platzierte sich Kurt, der Herbert seit der Grundausbildung kannte. Der Priester las den Text aus seinem Buch ab, schwafelte von den besonderen Vorzügen des lieben Verstorbenen, ohne ihn je gekannt zu haben. Simon ließ seine Gedanken wieder zurück in den Dezember vergangenen Jahres schweifen:
Herbert hatte entdeckt, dass sie auf einer Holzdecke standen, die teilweise beschädigt war. Weiter vorzugehen wäre lebensgefährlich gewesen, deshalb entschieden sie sich dazu, das Haus zu verlassen. Dann begann das Drama, an dem Herbert zerbrochen war. Gerade, als sie gehen wollten, hörten sie die Schreie. Sie schienen aus der brennenden Ecke zu kommen. Die Feuerwehrmänner blieben stehen, hielten gleichzeitig die Luft an, damit die Atemgeräusche ihrer Lungenautomaten verstummten.

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