Die Entführung
21. Dezember 2018
Beitragsbild "Tageswahnsinn"
Hattest du auch noch ruhige Tage und freust du dich auf 2019?
31. Dezember 2018

Keine ruhige Zeit in der staden Zeit – nur weniger lustig.

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Das Wochenjournal der 51. Kalenderwoche

Montag

Erster Urlaubstag. Wollte ausschlafen. Wollte. Das Telefon oder besser gesagt, der Anruf beenden den Schlaf früher wie gewollt. Aber so ist es nunmal.

Am Abend die letzte Übung des Jahres. Schluss ist damit nicht. Das Feuerwehrjahr endet um Mitternacht am 31. Dezember, um nahtlos in das neue Jahr überzugehen. Das Ehrenamt im Rettungswesen kennt meist den Begriff Urlaub nicht.

Es kennt nur zwei mögliche Zustände: alarmierbar und nicht alarmierbar.

Dienstag

Ein bisschen Schreibstubenarbeit.

Spätnachmittag – Brand einer Trafostation wird gemeldet. War dann doch „nur“ die Sprechstelle einer Klingel, angebracht neben der Tür mit der Aufschrift ‚Hochspannung‘. Lieber so als andersrum.

Die Meldende erzählt mir später, dass sie in der Vergangenheit einen Brand erleben musste. Entspricht der Erfahrung, dass Menschen, die selbst mal auf Hilfe angewiesen waren anders handeln als Menschen, die in ihrem Leben diesbezüglich mehr Glück hatten.


Mittwoch

Dreimal Brandmeldealarm heute. Zweimal Reinigungsarbeiten. Sorry, aber man sollte schon wissen, dass man eine Brandmeldeanlage hat und auf was die Sensoren reagieren und was sie nicht von Brandrauch unterscheiden können – z.B. Staub 😉

Der dritte Alarm fällt in die Kategorie ‚Augen auf beim Schaffen‘. Glaube es mir, nach der Erkundung in einem Tiefkühllager kommt dir in unseren Breitengraden fast jede Temperartur draußen wie Sommer vor.

Sado-Linda freut sich tierisch. Zweimal nehme ich seltsame Haltungen ein, weil ich sagte: „A bisserl geht noch.“

Schön, wenn du dann diesen beruhigenden Satz hörst: „Nur noch 10 Sekunden, dann hast du es geschafft.“

Noch schöner, dass da niemand ist, der Bilder macht von dir.


Donnerstag

Zum Kotzen. Unfall. Zwei Lkw, ein Pkw. Eintreffen und ein Trümmerfeld vorfinden. Wir sind zwei Führungskräfte, teilen uns auf. Zeit bis zum Eintreffen der nachfolgenden Kräfte – weniger als eine Minute.

Der Pkw zerissen abseits der Straße. Die beiden Lkw weit voneinander getrennt jeweils im Graben.

Einteilen der Einsatzkräfte. Welche Teams machen wo was.

Koordinieren, Massnahmen abstimmen mit Polizei und Rettungsdienst, anfordern und anfordern lassen von Zuständigen – Vollsperrung, Diesel im Erdreich, Notfallseelsorge und so weiter.

Minuten später wird es ruhiger. Dem Fahrer des Pkw ist nicht mehr zu helfen.

Warten auf Sachverständigen. Vor seiner Freigabe steht alles still. Lediglich das Diesel aus dem beschädigten Tank eines der Lkws wird abgepumpt.

Eintreffen der Angeforderten so nach und nach. Klärung der weiteren Massnahmen. Der Blick fällt immer wieder auf Abdeckung über dem Pkw. Vermutlich Überholunfall. Schneller am Ziel sein wollen und nicht mehr ankommen?

Die Kamerad*innen im Auge behalten. Jeder Mensch reagiert bei jedem Todesfall anders und manchmal unvorhersehbar. Emotionslos ist zum Glück nicht jedermanns Sache und um die Lebenden kümmern, die retten wollten, ist auf der Straße wichtiger, wenn auch unauffälliger.

Dann endlich die Freigabe zur Bergung. Noch einmal ein kritischer Moment. Dann heißt es „Helm ab zum Gebet.“ Mehr können wir nicht mehr tun. Stehen, beten und im Kopf die Informationen über den Verstorbenen und die Hinterbliebenen.

Dreieinhalb Stunden nach der Alarmierung zurück und lesen müssen, dass sich der deutsche Autofahrer über die Forderung einer ominösen Umwelthilfe zum Tempolimit aufregt.

Ja, ich bin auch für ein Tempolimit – sobald du aus Deutschland raus fährst, fährt es sich viel entspannter. Der Zeitverlust ist lächerlich gering. Alleine schon deshalb, weil die just-in-time Industrie ihre Lager auf die Straße verlegt hat. Allein schon deshalb, weil die Staus oft durch rapide abbremsende Schnellfahrer verursacht werden. Dominoeffekt: der erste bremst um 5 km/h ab, der nächste um 6 km/h – der hundertzwanzigste …. ab da steht alles.

Nur, was würde diese neue Regel „Allgemeines Tempolimit“ nützen hier? Allein schon deshalb habe ich meine Zweifel, weil Regeln, die für einen sicheren Verkehrsfluss sorgen würden, heutzutage scheinbar nur noch eine Option sind. Gegenseitige Rücksicht interessiert ja auch kaum mehr einen. Was ich will ist wichtig. Wenn ich einen Vorteil davon habe, dann mache ich das, was mir in den Sinn kommt. Die Menschen, die das Ganze im Auge haben, handeln oft zu ihrem „Nachteil“ und werden dafür meist noch angemault.

Das kannst du an jeder Autobahnbaustelle sehen, jeder Ampel, jeder Kreuzung, die dichtgemacht wird. Lässt du selbst die Kreuzung frei für Rettungsfahrzeuge, drängt sich irgendein Depp rein. Selbst, wenn du Blaulichter auf dem Dach montiert hast.

Was reg ich mich auf? Solange da draussen kaum jemand den Mut hat, sich an die Verkehrsregeln zu halten und es gemütlich angehen zu lassen – solange macht auch ein Tempolimit keinen Sinn.

Der Unfall geschah übrigens nicht auf einer Autobahn.

Der Braten, den ich 4 Stunden nach der Alarmierung esse, ist köstlich. Es ändert ja doch nichts.


Freitag

2 Uhr morgens. Diese Woche reisst es nicht ab. Küchenbrand im Nachbarort. Glimpflich. Küche kaputt. Menschen ok.

Der Leiter Rettungsdienst, mit dem ich schon am Nachmittag des Vortages zusammenstand, stellt richtigerweise fest: „Wir wollten uns doch nicht mehr sehen?“

Stade Zeit ist, wenn du Menschen, die du magst, nicht siehst.


Samstag/Sonntag

Ruhige Tage. A bisserl Schreibstube. A bisserl nix tun.

Doch leider erfahre ich am Samstag Abend wieder von einem schweren Verkehrsunfall in der Nähe. Zu meinem Glück nicht in meinem Revier. Knapp daneben. Zwar mehr Verletzte, aber keine Verstorbenen an der Unfallstelle. Und vermutlich wieder ein Überholvorgang, der mit einem fürchterlichen Knall endete.

Mir gehen langsam die Begründungen aus. Warum wird überholt, obwohl man nichts sieht? Es gibt doch nur zwei Möglichkeiten:

Entweder ich kann weit genug sehen bei der gefahrenen Geschwindigkeit

oder

Ich kann nur vermuten, dass frei ist und keiner entgegen kommt.

Sich auf Vermutungen zu verlassen – im Straßenverkehr tödlich. Für einen selbst und andere. Ach. Ich vergaß ja, der „andere“, dass ist jemand, der keine Rolle mehr spielt.


Heilig Abend


Schaut man sich auf diesem Planeten um, dann war auch da nur an wenigen Orten wirklich von einer staden Zeit die Rede. Die internationale Politik scheint sich weiter und weiter von den Menschen und der Menschlichkeit zu verabschieden. Es kommt mir so vor, als würden auch hier nur persönliche Vorteile die Regierenden leiten.

Nicht nur im Yemen geschieht das Unfassbare, verhungern Kinder in einer Welt, wo andernorts Lebensmittel zerstört werden. Es gibt immer noch viel zu viele Kriege und es gibt immer noch viel zu viele Menschen, die ihre Art zu leben als die alleinseligmachende ansehen und keine Respekt vor dem Sein haben.

Die gemeinsame Basis aller Menschheit – der Respekt vor dem Leben – wenn wir dachten, wir hätten dies schon in weiten Teilen erkannt – so wurden und werden wir eines Schlechteren belehrt: Auch bei uns wird von einigen Menschen unterschieden zwischen Frau und Mann, zwischen Hautfarbe und Nation, zwischen Religionen und Zugehörigkeit.

Versinkt die Welt in Anarchie und Nationalismus und Hass?

Ich glaube nicht.

Hans Rosling (1948 – 2017, Professor für Internationale Gesundheit am Karolinska-Institut in Stockholm) setzte Daten gegen Gefühl und Medienbild: „Es darf nicht die Angst sein, die uns die Prioritäten diktiert.“

In seinem (nach seinem Tod veröffentlichten) Buch „Factfulness“ räumt er mit gefühlten (und durch Medien verbreiteten) Angstinformationen auf. Er zeigt anhand von Fakten und Daten auf, wie viel sich wirklich verbessert hat. Er zeigt ein realistischeres Weltbild auf. Ein Weltbild, dass trotz all dem Hässlichen, das geschieht, Mut macht.

Eines hat sich jedoch in den vergangenen wenigen Jahren verändert: Der Fokus. Zudem kommt das, was früher weit weg geschah, näher und wird uns näher gebracht. Dazu kommt die gewachsene Unglaubwürdigkeit von einigen Politikern und einigen Medien. War es früher besser? Ich denke nicht. Nur wird heutzutage viel mehr aufgedeckt.

Es bleibt also noch viel zu tun auf dem Weg einer weltumspannenden Menschlichkeit. Wir alle können viel dazu beitragen. Beginnen wir mit den Kleinigkeiten, denn jedes Feuer beginnt mit einem Funken. Ob daraus ein zerstörerischer, tötender Großbrand oder ein wärmendes Lagerfeuer wird – auch das liegt an uns.

Wo auch immer du bist, unabhängig von allem anderen bist du ein Mensch:


Wie normal war deine Woche? Freue mich auf deinen Kommentar.


… hey, ich danke dir herzlich fürs Lesen des Tageswahnsinns. Ich freue mich wahnsinning, wenn du hier unten die Buttons nutzt, um auch deine Freunde auf den Tageswahnsinn aufmerksam zu machen. Vielen Dank dafür. 😊

Markus Ungerer
Markus Ungerer ist Autor, Vortragsredner, Instructor und Feuerwehrler. Er hilft anderen, entspannt zu überleben, wenn es heiß wird. Noch lieber allerdings hilft er zu verhindern, dass es zu heiß abgeht in Wohnung, Büro und wo auch immer du dich aufhältst. Lass nix anbrennen! und verbinde dich mit ihm auf Twitter und Facebook.

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