LoStonin

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LoStonin

Der Grenzübertritt gestaltete sich für Majun leichter als befürchtet. Obwohl es nicht unbedingt einfach war, die Anweisungen des Hilferufes, den er fünfzehn Monate zuvor erhalten hatte, einzuhalten.
Schon das Warten auf den richtigen Tag war eine Qual: „Am zweiten Tag nach dem dritten Vollmond eines jeden Semijahres“
Alleine schon der Gedanke, am Tag einen illegalen Grenzübertritt zu riskieren, kam ihm wie die Aufforderung vor, bei seinem Henker anzuklopfen und um die Hinrichtung zu bitten.
Jedoch – er kannte Samu zu lange, zu gut und war mit ihm durch so manche gefährliche Situation vor seinem Verschwinden vor 10 Jahren gegangen, als dass Majun nicht wüsste, dass diese Anweisung bitter ernst zu nehmen war. Hätte Samu gewollt, dass er, Majun, in der Nacht die Grenze übertritt, dann hätte in der Anweisung auch „Nacht“ und nicht „Tag gestanden.
„Sorge dafür, dass du glücklich bist. Die Grenzer spüren, wenn ein Unglücklicher erscheint und sie würden dich sofort in Gewahrsam nehmen. LoStonin ist das Land der Glücklichen.“
Glücklich erscheinen. Wie zur Hölle sollte das gehen, wenn du auf dem Weg bist, dann besten Freund vor dem lächelnden Galgen zu bewahren. Es hatte lange gedauert, bis Majun die Idee hatte, sie jedoch erst in der Heimat ausprobieren musste. Der Gedanke an das glücklichste Ereignis seines Lebens. Majun hatte nur für diesen Punkt monatelang trainiert. Diesen Gedanken so zu manifestieren, dass er alles andere ausblenden konnte. Danach die Tests an Freunden, Bekannten und Fremden – wirkte er auf sie, wie der glücklichste Mensch der Welt?
Der letzte Teil der Anweisungen erinnerte Majun an seine vielen Reisen, in denen er selbst anderen Reisenden den Tipp gab, niemals von Straßenhändlern, die herumstreunen, Wasser zu kaufen: „Die Wächter werden dir für die Wanderung eine Wasserflasche geben. Sie werden dich auffordern, sofort daraus zu trinken. Du darfst dieses Wasser nicht trinken. Egal wie, aber schluck es nicht hinunter, sonst bist du verloren im Glück.“
Das war ebenfalls kein Problem gewesen. Majun hatte einen Schluck Wasser genommen, ihn jedoch in der Toilette ausgespuckt, denn kurz bevor er die Flasche zum Trinken ansetzte, bat er darum auf die Toilette gehen zu können.
Nun hatte er die Grenze passiert. LoStonin, das glückliche Land. Glücklich seit 60 Jahren. So glücklich, dass es dem Rest der Welt wie ein Wunder vorkam. Das Volk friedlich und glücklich und selbst Straftäter nahmen ihre Strafe mit einem Lächeln entgegen. Samu drohte der „lächelnde Galgen“ wegen einer kleinen Aufmüpfigkeit gegenüber den Herrschenden. Eine Aufmüpfigkeit, die ihm entfleuchte, als er nach einer Woche Bergwanderung zurück in die Hauptstadt gekommen war, die ebenso hieß wie das Land. Die Botschaft an Majun konnte Samu erst nach zwei Jahren verfassen, so hatte er geschrieben, nach zwei Jahren, in denen er jeden verirrten Regentropfen und jeden Tautropfen heimlich in seiner Zelle gesammelt hatte.
Drei Tage war Majun nun schon unterwegs, hatte mehrmals seine Feldflasche an Bergquellen, wie angewiesen, aufgefüllt. Nun musste er ausharren, bis Neumond war, denn nur dann würde es ihm möglich sein, aus den Bergen auf die Hauptstraße, einen Tagesmarsch vor LoStonin, zu gelangen. Die Berge waren seit Jahren verbotenes Gebiet. Seit Samus Verhaftung. Wer erwischt wurde, dass er in den Bergen war, landete am lächelnden Galgen und ließ freudig grinsend sein Leben.
Majun prägte sich die letzten Details der Skizze ein, die Namen der Städte, durch die er hätte gehen müssen, wäre tatsächlich der erlaubten Strecke gefolgt. Die Sonne ging unter und er füllte ein letztes Mal seine Feldflasche auf.
Noch 48 Stunden bis zur Hinrichtung.
LoStonin – die Stadt der Freude und des Glücks, die Stadt der glücklichen Unterdrückung.
60 Jahre zuvor hatte es einen fürchterlichen Bürgerkrieg gegeben. Millionen Tote. Am Ende lag nicht nur die Regierung am Boden, auch das Volk war ausgeblutet. Eine neue Regierung entwickelte sich aus der Revolution. Eine neue Regierung, die erkannt hatte, dass es niemals möglich sein würde, alle Bedürfnisse des Volkes zu befriedigen. Es würde immer Menschen anderer Meinung geben, es würde immer Benachteiligte geben und solche, die sich benachteiligt fühlen. Der neue Präsident, gewählt von seinen Revolutionsfürsten, wusste jedoch, dass glückliche Menschen sich niemals benachteiligt fühlen, dass glückliche Menschen sich niemals auflehnen.
Er startete seinen Versuch mit den inhaftierten ehemaligen Regierungsmitgliedern und das Volk liebte ihn für das Ergebnis. Schauprozesse und Hinrichtungen durchlebten die Verurteilten glücklich und entspannt. Der Präsident berichtete seinem Volk, dass die alte, korrupte Regierung erkannt hätte, wie falsch deren Weg war und dass sie ihre Strafe als Gerechtigkeit empfanden. Deshalb würden sie ihre Hinrichtung als eine gerechte Notwendigkeit sehen.
Dann gab er dem Land den neuen Namen: LoStonin.
Nicht einmal seine engsten Vertrauten wussten ob der Bedeutung des Namens. Und nur wenige wussten, was in den Getränkefabriken und Wasserwerken des Landes wirklich geschah. Denn LoStonin war ein Kunstwort, gebildet aus drei Worten:

Land of Serotonin – LoStonin

Am späten Nachmittag darauf stand Majun auf dem Marktplatz von LoStonin und bestaunte den mächtigen „lächelnden Galgen“. Der Präsident hatte den Galgen tatsächlich so gestaltet, dass er wie ein freundliches Gesicht aussah und sobald ein Verurteilter am Strick hing, lächelnden die beweglichen Gesichtszüge. Der freundlichste Tod der Welt.
Noch während er so gedankenverloren hinaufblickte, zupfte ihn ein Junge am Ärmel. Majun war so gebannt von dem Anblick des lächelnden Galgens, dass er erst reagierte, als ihn der Junge ansprach: „Du siehst durstig aus. Hier trink.“
Ohne hinzusehen, griff Majun nach der ihm angebotenen Wasserflasche. Der Tag war lang gewesen, die Sonne brannte immer noch unbarmherzig vom Himmel und den letzten Tropfen Quellwasser hatte Majun schon vor Stunden getrunken.
Am nächsten Abend stand Majun mit den Bürgern LoStonins auf dem Marktplatz und blickte gebannt zu Samu, der ebenso lächelte wie Majun und alle anderen. Majun kämpfte sich nach vorne, bis an die Absperrung. Er erkannte seinen Freund und freute sich mit ihm. Dann öffnete sich die Klappe, Samu fiel, der Galgen lächelte und für eine Sekunde erreichte der traurige Blick Samus das Bewusstsein Majuns, bevor er wieder aus einer Wasserflasche trank.

Markus Ungerer
Markus Ungerer ist Autor, Vortragsredner, Instructor und Feuerwehrler. Er hilft anderen, entspannt zu überleben, wenn es heiß wird. Noch lieber allerdings hilft er zu verhindern, dass es zu heiß abgeht in Wohnung, Büro und wo auch immer du dich aufhältst. Lass nix anbrennen! und verbinde dich mit ihm auf Twitter und Facebook.

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