Die Mär von der Schwarmintelligenz und seltsames Verhalten

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Die Mär von der Schwarmintelligenz und seltsames Verhalten

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Das Wochenjournal der 26. Kalenderwoche 2018

Montag

Sauber. Die Woche beginnt, indem sie mich aus den Schuhen zieht. Nach Rücksprache mit meinem Hausarzt könnten wir das Problem jedoch relativ leicht in den Griff bekommen. Der Körper wird älter – eine unumstößliche Tatsache. Ebenso unumstößlich wie mein Kopfschütteln über so manche politische Entwicklung. Täglich grüßt das Murmeltier und täglich gewinnt der Gedanke, dass es keine Schwarmintelligenz gibt, mehr Gewicht.

Und nein, diese Lösungen sind weder einfach noch simpel.


Dienstag

Ich erscheine wieder im Lehrsaal und es tut gut, dass es Menschen gibt, deren erster Kommentar nach dem „Guten Morgen“ die Frage „Wie geht es dir?“ ist und das Thema, was alle liegen geblieben ist, was mussten wir wegen deinem Ausfall machen, etc.. eben kein Thema ist.

Am Abend noch etwas ausruhen, aber es geht definitiv aufwärts.


Mittwoch, Donnerstag

Alles im grünen Bereich und keine wahnsinnigen Dinger. Fast.

Donnerstag Nachmittag ein gröberer Brand in einer Werkstatt in einem Altbau in eng bebauten Gebiet. Ich befinde mich zu dieser Zeit natürlich noch im Lehrsaal. Erst am Abend sehe ich mir die Einsatzstelle während der Nachlöscharbeiten an. Die Werkstatt ist natürlich Schrott, war bei eintreffen der ersten Kräfte schon nicht mehr zu halten gewesen. Eine tolle Arbeit, dass die angebauten Nebengebäude nicht Opfer der Flammen wurden.


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Freitag

Der Tag beginnt mit dem Wissen, heute aufgeregt, nervös und angespannt sein. Dazu der Auftrag, plötzlich nichts mehr zu wissen. Ein Deal, der seit Jahren mit meinen Schützlingen klappt. Ich übernehme diesen Teil und im Gegenzug beantworten sie ruhig und entspannt alle Prüfungsfragen.

Am Nachmittag eine nachgeholte Geburtstagsfeier, die ich recht bald wegen Übung wieder verlasse. Um 19.00 Uhr steige ich wieder in den Einsatzdienst ein. Erstaunlicherweise bleibt es ruhig. Die Alarmierung kam noch vor der Übernahme.

Ein privater Rauchwarnmelder hatte ausgelöst. Nach Erkundung stellten die Einsatzkräfte fest, dass es ein Falschalarm aus unbekannter Ursache war. Nichts Ungewöhnliches – leider jedoch ist auch nicht ungewöhnlich, dass der Melder schon ein bis zwei Stunden piepte. Die Feuerwehr wurde jedoch nicht sofort alarmiert, weil man „ja sonst den Einsatz zu bezahlen hat.“

Leider auch nichts Neues. Ich erinnere mich an einen  Fall, da piepte der Rauchwarnmelder über Stunden und niemanden kümmerte es. Der Nachbar alarmierte erst dann, als der Rauchwarnmelder beim Fernsehen störte. So schaut es halt vielerorts aus. Es interessiert nicht, ob der Nachbar ein Problem hat. Aber es ist wichtig, dass etwas getan wird, wenn es mich stört.

Räumen wir also mit ein paar Mythen auf:

Ein Rauchwarnmelder der piept: Das kann ein Falschalarm sein. Es kann aber sein, dass ein Schwelbrand vorliegt, der noch nicht zu einem offenen, von außen erkennbaren Brand führt. Wärmeschutzdämmung und dichte Wohnungen sorgen heutzutage dafür, dass ein Brand sich quasi selbst fast ersticken kann, bevor es zum offenen Brand kommt. Das Problem: Schläft jemand beispielsweise auf dem Sofa den Mittagsschlaf, dann erstickt er möglicherweise auch, bevor es zum offenen Brand kommt.

Wer die Feuerwehr wegen eines piependen Rauchwarnmelders in der Nachbarwohnung ruft, muss gar nichts bezahlen. Dafür sind Rauchwarnmelder da. Man nennt dies auch  „Alarmierung in fälschlicher Annahme.“ Ein Rauchwarnmelder ist keine automatische, aufgeschaltete Brandmeldeanlage.

So verhältst du dich richtig, wenn der Rauchwarnmelder beim Nachbarn piept:

  1. Überlege kurz, ob dein Nachbar zu Hause ist oder nicht.
  2. Klingle und klopfe beim Nachbarn.
  3. Wenn niemand öffnet, rufe  112 an
  4. Sage dem Disponenten, ob du davon ausgehst, dass jemand zu Hause sein müsste oder nicht. Sage ihm auch, wenn du es nicht weißt.
  5. Denke immer daran, dass die Feuerwehr lieber hundertmal anfährt, um festzustellen, dass es ein Falschalarm ist, als einmal anzufahren nach ein paar Stunden piepen und nur noch eine Leiche bergen kann.

Danach gehe ich wieder auf die Geburtstagsfeier und es bleibt sogar die ganze Nacht ruhig.


Samstag

Der Wecker heißt wieder einmal Funkmeldeempfänger. Eine schnelle Türöffnung für den Rettungsdienst wird angefordert. Während der Anfahrt ändert sich der Auftrag zu Tragehilfe. Insbesondere der Flur in der Wohnung ist durch Kommode und Gegenstände sehr eng. Eine Trage passt hier nicht durch und selbst mit Tragetuch muss der Patient relativ weit hochgehoben werden.

Schau selbst mal bei dir in der Wohnung. Wie breit ist denn der Flur und wie breit ist der verbleibende Laufweg. Wenn du selbst nur gerade so durchkommst, dann passt hier keine Trage durch, die von zwei Personen getragen wird. Es ist in deinem Sinne, den Weg so breit wie möglich zu halten. Niemand weiß, ob und wann er mal den Rettungsdienst braucht, der ihn aus der Wohnung zum Rettungswagen trägt, damit letztlich in der Klinik geholfen werden kann.

Der Vorteil des frühen Weckens: Das geplante Unkraut jäten können wir früh starten. Allerdings bleibe ich nicht lange dabei. Im Nachbarort hatte eine ältere Dame ihren Kachelofen angefeuert und irgendetwas ging dabei schief. Die Nachbarn hörten den Rauchwarnmelder piepen und eilten zu Hilfe. Die Wohnung verraucht, die Dame aus dem Haus heraus. Nach einer kurzen Untersuchung und Betreuung während des Einsatzes – ihr war nichts geschehen. Der Einsatz konnte sich auf die Entrauchung beschränken. So sollte Nachbarschaft sein.

Noch in der Endabwicklung dieses Einsatzes erreicht uns der Ruf zurück in den Heimatort. Die Brandmeldeanlage im Saunabereich des Hallenbades hatte angeschlagen. Zu dieser Zeit und zu dieser Jahreszeit nur wenige Besucher. Bei Eintreffen war das Gebäude schon von den Angestellten geräumt worden.

Im Meldebereich der auslösenden Rauchmelder bemerken wir leichten Schmorgeruch und die Suche geht los. Deckenplatten öffnen. Schauen. Wärmebildkamera einsetzen. Lange konnten wir nichts entdecken. Seltsame Strömungen hatten den Rauch zu diesen Meldern geführt. Denn schließlich entdeckten wir den Kleinbrand in der Zwischendecke eines angrenzenden Raumes an einem Lüfter der Lüftungsanlage. Die Suche hatte gedauert, der Brand ist schnell gelöscht.


Sonntag

Der Disponent der Leitstelle hat einen wertvollen Job erledigt: mich nämlich durch den Alarm vor einem Sonnenbrand im Esskoma hinterm Haus zu bewahren.

Der Nachbar von C. hat einen fast so wertvollen Job gemacht: er hat nämlich die Feuerwehr alarmiert, da bei den Nachbarn niemand aufmachte und der Rauchwarnmelder piepte. Auch so etwas gibt es zum Glück. Warum der Herd mit der Pfanne mit den Essensresten auf einer angeschalteten Herdplatte stand, obwohl niemand zu Hause war, will ich hier nicht beleuchten. Dank der sofortigen Alarmierung blieb der Schaden bei einer kaputten Pfanne und einer leicht verrauchten Wohnung.

Seltsam auch  das Verhalten der Brandmeldeanlage eines ICE. Ihr Auslösen zieht uns kurz nach 22 Uhr vom Sofa zum Bahnhof. Der Einsatz erinnert ein bisschen an den Brand in der Sauna. Wir suchen und suchen. In diesem Fall finden wir jedoch kein Feuer. Da sich der Zug bzw. seine Elektronik weiterhin seltsam verhält, werden die mehr als 600 Reisenden auf Ersatzzüge verteilt.  Und du denkst dir, dass ein für über eine Stunde gesperrter Bahnhof auf der Strecke Würzburg-Nürnberg die Pläne für ziemlich viele Leute gewürfelt hat  Auf Stunden hinaus.

In einer Woche die ganze Bandbreite des menschlichen Verhaltens und der Motivation. Die einen reagieren erst, wenn es sie selbst stört, andere zeigen kein Rektionsverhalten, da es sie selbst ja nicht betrifft und wieder andere reagieren aus nachbarschaftlichem Gedanken heraus sofort.

Ach ja, keiner der Anrufer muss die Feuerwehr wegen der Alarmierung bezahlen und auch die „Verursacher“ müssen nicht zittern.


Wie normal war deine Woche? Freue mich auf deinen Kommentar.

Hol dir die 10 Chancen zum Überleben 4.0!

 … und ein herzliches Danke fürs Teilen


 

Markus Ungerer
Markus Ungerer ist Autor, Vortragsredner, Instructor und Feuerwehrler. Er hilft anderen, entspannt zu überleben, wenn es heiß wird. Noch lieber allerdings hilft er zu verhindern, dass es zu heiß abgeht in Wohnung, Büro und wo auch immer du dich aufhältst. Lass nix anbrennen! und verbinde dich mit ihm auf Twitter und Facebook.

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