Hamburg mag mich, sein Nahverkehr eher nicht. Oder habe ich es kaputt gemacht?

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Hamburg mag mich, sein Nahverkehr eher nicht. Oder habe ich es kaputt gemacht?

Hamburger Hafen

Das Wochenjournal der 22. Kalenderwoche 2018

Montag

Dass Hamburg ein teures Pflaster ist, hörte ich ja schon. Dass mir die Kohle jedoch schon kurz nach dem Passieren des Elbtunnels aus der EC-Karte flutscht, das ist echt hart. Unser Weg führt uns von der fränkischen Heimat über die A7 Richtung Norden.  Die ersten Kilometer lief es so, wie man es sich bei Autobahn vorstellt. Rollen lassen. Doch irgendwann zeigte sich, dass die A7 keine Autobahn ist.

Sie ist in Wirlichkeit die Versammlungsstätte vereinsamter Baustellen, die irgendwo übriggeblieben sind und jetzt ihr Dasein auf der Bitumenbahn zwischen Würzburg und Hamburg genießen. Immer wieder mal stockend, aber doch insgesamt zumindest sich bewegend kommen wir am Elbtunnel an. Warum hat mir niemand gesagt, dass auch Hamburg mittlerweile von Baustellen besetzt ist? Allerdings zeigt sich diese Seite der Stadt erst so richtig nach der raschen Durchfahrt durch den Elbtunnel. Dort läuft es noch und der Lügner Navi teilt uns freudestrahlend mit, dass wir in 25 Minuten unser Ziel erreichen werden.

Aha. Navi verschweigt die Baustelle namens A23. Die Maximalgeschwindigkeit beträgt 15 km/h und dies auch nur für ein paar Meter. Wir stehen also rum und freuen uns auf die übernächste Ausfahrt, die uns zu unserem Ziel führen wird – würde, wenn wir nicht doch schon bei Volkspark runter müssten.

Unfreiwillig. Im Feierabendverkehr, Baustelle, Stop and Go – nein, da wechsel ich keinen platten Reifen.  Suizid geht einfacher. Die Hamburger sind zwar ein sehr kommunikativer und freundlicher Haufen, aber ich vermute, da wäre auch deren emotionales Grenzgebiet erreicht. Mit meiner Werkstatt werde ich jedoch reden müssen. Es ist der geflickte Reifen. Alles gut, kein Problem, sagten sie. Die Flickstelle sah aus, als hätte ich sie selbst repariert.

In zehn Jahren musste das Notrad noch nie raus. Ehrlich gesagt, ein Wunder, dass er noch die Luft halten kann. Ich schwitze Blut und Wasser beim Rollen auf dem Ding, schneller als 30 km/h wäre Frevel, bis wir ein paar Minuten später einen Reifenservice finden. Was willste machen? Sie haben die Reifenmarke nicht vorrätig. Bestellen lassen und warten? Lustig. Nicht. Also zwei neue Reifen. Nach einer halben Stunde ist alles erledigt und trotz Feierabendstau kommen wir doch noch bei Sonnenschein an. Kein Wunder, denn der Norden von Hamburg zeigt sich südländisch.


Dienstag

Frühstück auf der Terasse und wir bekommen eine Show geboten: Wenn Mutter und Tochter konsequent sind. Die Frau verlässt das Haus. Im Schlepptau ein Mädchen und ein Junge im Kindergartenalter. Das Mädchen hat ein Laufrad dabei. Die drei verschwinden aus meinem Blickfeld, da geschieht es. Ohne Vorwarnung. Ein Geschrei, wie es nur ein kleines Kind in dieser Lautstärke hinbekommt. Sekunden später erscheint das Trio wieder in unserem Sichtfeld. Die Mutter trägt jetzt das Laufrad. Das Mädchen neben ihr erzeugt die Aufmerksamkeitstöne. Ich weiß nicht, was geschehen ist, die Mutter handelt schweigsam konsequent, öffnet die Haustür, bringt das Laufrad hinein. Das Mädchen schreit ebenso konsequent. Haustüre verschließen, die Zeit scheint knapp zu werden. Mutter und Sohn laufen los, das Mädchen versucht mit Verzögerung und Getöse, den Laufradentzug rückgängig zu machen. Die Mutter ist eher der handelnde Typ: Sie wirft sich das Mädchen über die Schulter.  Die drei verschwinden wieder aus unserem Sichtfeld. Das Schreien wird leiser. Bin auf den kommenden Morgen gespannt.

Ein Bahnsteig. Irgendwo im Norden bei einer Morgensonne wie tief im Süden. Vor uns ein älterer Herr am Fahrkartenautomat. Er lässt uns vor,  da er noch nach Kleingeld sucht. Höflich, wie ich sein kann, erwidere ich seinen Gruß und bedanke mich. Er erkennt natürlich meine eindeutig nicht einheimische Aussprache.  Seltsamerweise kommt mir seine Aussprache auch nicht so fremd vor. Siehe da – vor vierzig Jahren hatte er Franken verlassen, wir kennen jeweils unsere Heimatstädte. Franken sind eben doch Weltbürger. Du triffst sie überall und erkennst sie an der weichen Aussprache und dem stoisch harten Nehmen vom Leben wie es eben ist.

Auf Empfehlung gehen wir zum Mittagessen ins Portugiesenviertel. Eine gute Wahl. Preisgünstig lecker Fisch essen. Die Portion ist für eine Mittagskleinigkeit mehr als ausreichend.

Am Abend soll die Rückfahrt natürlich auch wieder mit der Bahn erfolgen. Findet sie auch.  Nur erheblich später und es bleibt bis zur Ankunft spannend, ob wir den Zielbahnhof noch in derselben Nacht erreichen. Leider hat Klaubautermanns Mutter – unfair wie Mütter eben sind – den zukünftigen Herrscher der Weltmeer bereits zu Bett geschickt. Der Grund für unsere Verspätung: Hamburgs Nahverkehr verträgt scheinbar keine Franken.

Nach dem gestrigen Reifenschaden ist es diesmal ein Oberleitungsschaden. Aber dafür war es wieder ein Südensommertag. Wir beenden ihn mit Grillen im Garten der Gastgeberin. Wer hat eigentlich behauptet, Hamburg hätte Schmuddelwetter? Ich mag die Stadt.

Übrigens: Für morgen ist eine Bootsfahrt geplant. …..


Mittwoch

Wir lassen es etwas ruhiger angehen. Das bedeutet bei uns – früher aufstehen. Schließlich wollen wir noch den Klabauter treffen, bevor er wieder einrücken muss. Gestern Abend kamen wir ja zu spät zurück. Da war er schon abgetaucht. Mütter bestehen auch in Hamburg auf ausreichend Schlaf. Auf der Terrasse sitzend warten wir noch, bis die Familie gegenüber das Haus verlässt. Heute gibt es jedoch keine Show. Das Laufrad verlässt das Haus erst gar nicht. Wir planen, den Zug eine halbe Stunde später als gestern zu nehmen. Doch irgendwie ist unser Hamburgbesuch – spannend.

Wir stehen noch keine fünf Minuten auf dem Bahnsteig, noch zwei Minuten bis die Regionalbahn einlaufen soll, da kommt die Durchsage:

Der Zug hat 15 Minuten Verspätung.

Unsere Gastgeberin wäre beinahe mit dem selben Zug gefahren, hätten wir nicht getrödelt. Glück für sie.

Der Rest des Tages verläuft ohne Schwierigkeiten – vielleicht auch deshalb, weil das Schiff, auf dem wir (fast) anheuern, fest vertäut ist. Wir trauen uns nicht, auch noch die Schifffahrt zum Erliegen zu bringen.  Vielleicht ist ja beim nächsten Besuch ein Kapitän mutig genug, uns an Bord zu bitten.

Am Abend kommt noch eine große Herausforderung auf mich zu: Pizzateig ausnudeln, damit Klabauter ihn für das Belegen vorbereiten kann. Ich das Holz, er die Tomaten. Wir machen das toll – finden Klabauter und ich. Die Kommentare der Frauen in der Küche ignorieren wir. Die Pizza schmeckt uns.


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Donnerstag

Es fällt schwer, aber wir müssen nach dem Frühstück los. Übrigens wird das Nachbarhaus auch heute ohne Laufrad verlassen. Schade, ich werde nie erfahren, wie lange das Fahrverbot gelten wird. Hamburg will uns jedoch nicht loslassen. Kaum auf der A23, schon stehen wir im Stau. Am liebsten würde ich wenden. Ich hab mir jedoch sagen lassen, dass sollte man auf Autobahnen auch in Hamburg nicht machen.

Die weitere Fahrt führt uns von Sonnenschein zu Platzregen und wieder zurück. Ein Wetter hin und her.  Beim Regen fährt übrigens Chefin. Timing ist alles. Irgendwo zwischendrin stehen wir dann fast eine Stunde. Stauparty.

Letztlich kommen wir nur drei Stunden später als geplant im Franken an.  Die Zeit reicht jedoch, um die besten Hamburger der Welt im Wal zu essen, bevor wir erschlagen ins Bett fallen.


Freitag

Am Vormittag nehme ich den Einsatzdienst nach vier freien Tagen wieder auf. Obwohl noch Urlaub, bleibt es im Ehrenamt nicht aus, den Tag um 8 Uhr mit einem Ortstermin zu beginnen. Danach widme ich mich der Gartenarbeit. Zuerst Rasen mähen, gefolgt vom Formschnitt Hecke. Allerdings deutet es sich schon bald an, dass ich in Etappen arbeiten werde.

Das Display zeigt, dass der Anrufer die Leitstelle ist. Angeblich ausgebrochene Schafe – so die Information. Unter bewaffneten Begleitschutz mache ich mich im Zielgebiet auf die Suche. Die Mannschaft von der anderen Seite. Am Ende bleiben die Schafe verschwunden und der Verdacht, dass sie wieder in ihrem Freigehege, in dem du eine Kompanie verstecken kannst, Schutz genommen haben.

Weiter an der heimischen Hecke arbeitend, kommt der nächste Anruf und wir befreien kurz darauf einen Vogel aus einem Lüftungsschlitz. Okay. Befreien ist übertrieben.  Der Vogel fühlt sich eher gestört und macht die Mücke. Nummer drei – es langsam angehen lassen am ersten Tag, wäre ja langweilig – kommt noch in der Pause, die ich mir gönne und erinnert wieder an den eigentlichen Dienstzweck.  Eine Gartenhütte brennt.

Irgendwie schaffen wir es trotzdem, die geplanten Gartenarbeiten fertig zu stellen. Naja. Um das Aufräumen komme ich herum. Die Chefin hat echt Pech diese Woche. Fahren im Platzregen, Grünabfälle aufräumen. Die Strafe kommt für mich in Form von Halsschmerzen.


Samstag

04.45 Uhr. Küchenbrand im Nachbarort. Der vierte Einsatz seit ich vor 21 Stunden die Fussfessel übernomnen habe. Um 06.00 Uhr lege ich mich nochmal hin und werde auch dafür bestraft. Ich wache auf mit Kopf- und Halsschmerzen. Den Tag über widme ich deshalb dem Auskurieren. Der Tag schreitet fort und die Schmerzen verlassen mich. Eigentlich ein gutes Zeichen. Wir planen, das Stadtfest zu besuchen. Doch um kurz nach halb sechs Uhr Nachmittags erreicht mich der Ruf zu einem Altenwohnheim.

Die Dame wollte sich eigentlich nur ein paar Kekse auf dem Toaster warm machen. Der Toaster vertrug jedoch den Hitzestau unter der Alufolie nicht so richtig und das Kunststoffgehäuse weichte etwas auf. Glücklicherweise ist nichts Schlimmes passiert, die nette Dame jedoch recht aufgelöst, der Kreislauf spielt ein bisschen durch die Aufregung verrückt und sie macht sich Vorwürfe. Gemeinsam mit dem Notarzt gelingt es jedoch, sie wieder zu beruhigen und ihr die Selbstvorwürfe zu nehmen.

Eine Stunde später bin ich zu Hause und erhalte einen Anruf bzw. beantworte jetzt einen Anruf, den ich während des Einsatzes nicht annehmen konnte. Ich habe ganz vergessen, dass wir schon vor einer Woche ausgemacht hatten, dieses Wocheende zum Steak essen zu gehen. Es bleiben mir zwanzig Minuten zum Aufhübschen. Ausreichend Zeit für meine Verhältnisse. Die Steaks sind lecker, auch wenn die Kellnerin zu Beginn uns für meinen Geschmack zu lange hat warten lassen. Später auf dem Stadtfest verbringen wir noch zwei entspannte Stunden ohne Wahnsinn, was ja auch nicht selbstverständlich ist in diesem meinem Leben.


Sonntag

Während ich diesen Beitrag schreibe, erreicht mich die Nachricht, dass am Hamburger Flughafen der Strom ausgefallen ist. Ehrlich! Ich habe nur an Hamburg gedacht. Positiv! Es hat mir gefallen. I’ll be back!


Wie normal war deine Woche? Freue mich auf deinen Kommentar.

Hol dir die 10 Chancen zum Überleben 4.0!

 … und ein herzliches Danke fürs Teilen


 

Markus Ungerer
Markus Ungerer ist Autor, Vortragsredner, Instructor und Feuerwehrler. Er hilft anderen, entspannt zu überleben, wenn es heiß wird. Noch lieber allerdings hilft er zu verhindern, dass es zu heiß abgeht in Wohnung, Büro und wo auch immer du dich aufhältst. Lass nix anbrennen! und verbinde dich mit ihm auf Twitter und Facebook.

1 Kommentar

  1. […] So aber. Ich weiß nicht, wie dicht der Qualm zu Beginn war. Ich weiß nicht, wieviel die in der Küche davon eingeatmet haben. Ich bin zwar nicht für den Arbeitsschutz in dem Laden verantwortlich, aber einfach gehen ohne mich zu kümmern, kann ich auch nicht. (Siehe vergangene Woche die Sache mit dem Toaster im Wohnheim). […]