Käfighaltung muss sein

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Käfighaltung muss sein

Hühner im Vorhaus

Die Geschichte der Kapitulation zugunsten der Käfighaltung begann am 25. November 2015 um 17.34 Uhr. Die Meldung der Leitstelle klang erstmal sehr seltsam: Mitten in unserer kleinen Großen Kreisstadt sollten Hühner herumlaufen.
Tatsächlich fanden sich drei Zwerghähne, die einen ebenso verwirrten Eindruck machten wie die eintreffenden Einsatzkräfte. Weit und breit kein Hühnerhof, doch die Zweiflügler waren durchaus real.

Die drei alles auslösende Hähne. Sie sind bereits im am jetzigen Aufenthaltsort.

Die drei Hähne an ihrem jetzigen Aufenthaltsort.

Ein harter Kampf begann: Stadtkinder versuchen Hähne einzufangen. Belustigung der Zuschauer und nicht einmal Eintritt verlangt. Die Tiere nicht dumm, änderten sekündlich ihre Strategie der Flucht und schafften es schließlich, sich auf eine Grünfläche, umrahmt von Straßen zu retten und dort unter einen Busch.
Nach 52 Minuten ringens war die Schlacht geschlagen – die Hähne befanden sich im Gewahrsam. Doch die Probleme waren noch nicht behoben. Wohin die Tiere bringen? Bei der Polizei war noch keine Vermisstenmeldung eingegangen. Wozu gibt es schließlich ein Tierheim? Nun, um es kurz zu machen: Ein Kamel hätten wir sofort untergebracht, Federvieh nimmt das Tierheim jedoch nicht an.
Doch zum Glück gibt es Brudder und seinen Sohn: Der hält sich im heimischen Garten ein paar viele Flatterviecher. Ein Anruf der Gattin dort und kurz darauf die erlösende Information, dass wir die Hähne dort zwischenhotelieren können.
In der Hoffnung, dass sich die nächsten Tage die Besitzer der Hähne melden würden, war dieser kuriose Einsatz beendet. Dachte ich.
Die Monate gingen ins Land, die Hähne hatte ich vergessen, der Sohn von Brudder jedoch nicht, wer ihm die drei Hähne eingebrockt hatte. Besitzer hatten sich nie gemeldet und auch heute noch ist nicht klar woher Schreihals, im-Stimmbruch-Bleiber und Heimlicher-Nutznießer kamen.
Anfang 2016 kam die Nachricht, dass die Hähne aus dem Zwischenlager weg müssen, da sie sich nicht so richtig mit dem einheimischen Federvieh vertragen. Die Gattin trug sich zu diesem Zeitpunkt schon mit dem Gedanken, dass der Kuchenbedarf des Autors viel besser mit Eiern von eigenen Hühnern gedeckt werden könnte. Verweigerung, etwas weniger Verweigerung, aber ich bau keinen Hühnerstall.
Wozu hat man Freunde? Eine Woche Vortragsreise reichten aus und aus einem vor Jahren für die Kinder gebauten Am-Baum-Haus, das zwischenzeitlich als Holzlager genutzt wurde, entstand ein Hühnerstall. Mit den drei Hähnen zogen noch einige Hühner mit ein. Da eine reine Stallhaltung nie der Gedanke war, wurde also noch 50 Meter Hühnerzaun besorgt und ein Freigehege angelegt.
Soweit alles gut. Die Federviehherde nutzte Stall und Freigehege wie es sich gehört, die Hütekatze umkreiste das Gehege, das Gemüse und der Salat lebten friedlich in angemessener Entfernung.
Eine mehrmonatige Einsperrzeit wegen der Hühnergrippe machte es notwendig, einen Vorbau und ein kleines überdachtes engmaschig eingezäuntes Halbfreigehege zu errichten.

Der Freilaufanbau am Hühnerstall, der während der Stallpflicht aufgrund der Hühnergrippe entstanden ist.

Der Not-Freilauf am Hühnerstall.

Im Frühjahr 2017 war auch diese Episode überstanden. Hennen und Hähne konnten wieder in das Freigehege entlassen werden. Immerhin ein ovaler Bereich mit 50 Meter Umfassung.

Einmal an die Freiheit gewöhnt – da scheint es bei Hühnern nicht anders zu sein als bei Menschen. Die Grundbedürfnisse sind gestillt und der Erkundungswille drängt sich in den Vordergrund.

Ein weißes Huhn, das ausgebrochen ist und zwischen Wiesenpflanzen steht.

Nalo auf Erkundung.

Leichte Panik kommt beim Freihaltungsgemüse auf. Die ersten Ausbruchversuche sind vereinzelt erfolgreich. Die Ausbrecher können jedoch mit Futterpfiff und Körnerbestechung wieder ins Reservat gelockt werden.
Nachdem sich die Techniken zur Überwindung des Reservatzaunes jedoch verfeinern, müssen die Maßnahmen drastischer werden. Gestutzte Flügel und das Problem sei behoben, hieß es. Auch das Gemüse vertraute darauf.
Es half auch – für ein paar Tage.
Das Federvieh varierte seine Techniken in Richtung Unterwindung des Zaunes und da ihnen niemand gesagt hatte, dass mit gestutzten Flügeln fliegen unmöglich sei, flattern sie trotzdem. Nach anfänglicher Schieflage und mehr Absturz denn Landung, hatte das überaus anpassungsfähige Flugkontrollsystem zwischen den optischen Sensoren der Hühner auch dieses Manko ausgeglichen.
Die Gemüsebeete wiesen Kuhlen auf, in die millimetergenau Hühnerkörper passten und Sprößlinge starben den Schnabeltod. Noch war die Lage jedoch kontrollierbar, das vertraute Reservat bot zudem einen zumindest optischen Schutz vor der Hütekatze.
Wir mussten dann aus gesellschaftlichen Verpflichtungen heraus ein paar Tage im Süden Europas verbringen. Es schien, als hätten die Hühner die Minimierung des menschlichen Aufsichtspersonals um Zweidrittel als Aufforderung zur massiven Attacke auf die wehrlosen, standortgebundenen, freilebenden Nutzpflanzen verstanden.
Erst täglich, dann stündlich, schließlich fast im Minutentakt tickerten die Nachrichten des verbliebenen Zweibeiners ohne Federn ein: Das Federheer hatte sich auf Eroberungsfeldzug begeben und war nicht mehr zu stoppen.
Endlich konnten wir uns aus den Verpflichtungen lösen und besichtigten das Schlachtfeld. Es gab noch Hoffnung, nicht alle Pflanzen waren den Raubvögeln zum Opfer gefallen. Es folgte eine stundenlange Abwägung der möglichen taktischen Maßnahmen. Können Freilandhühner und Freilandgemüse in friedlicher Koexistenz existieren? Oder ist die Käfighaltung unausweichlich?
Die Antwort wurde gefunden, der Zaun neu ausgerichtet und

– so schmerzhaft es auch ist –

Käfighaltung ist unvermeidlich:

Gemüsebeet mit Umrandung und Netzabdeckung. Dahinter Hühner und Hähne, die nicht an die jungen Pflanzen herankommen.

Käfighaltung ist unvermeidlich.

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Markus Ungerer
Markus Ungerer ist Autor, Vortragsredner, Instructor und Feuerwehrler. Er hilft anderen, entspannt zu überleben, wenn es heiß wird. Noch lieber allerdings hilft er zu verhindern, dass es zu heiß abgeht in Wohnung, Büro und wo auch immer du dich aufhältst. Lass nix anbrennen! und verbinde dich mit ihm auf Twitter und Facebook.

1 Kommentar

  1. Christine U sagt:

    RT @markusungerer: Käfighaltung muss sein Die Geschichte der Kapitulation zugunsten der Käfighaltung begann am … https://t.co/HhQ6HVCZHI…